Die Förderung der Hochbegabten war mir, wie vielen Hochschullehrern, vor allem in der von der Studienstiftung des Deutschen Volkes ausgeprägten Form vertraut. Auf diesem Boden kam Anfang 1984 die Idee der Ferienakademien der beiden Universitäten auf. Herr Gumin, Vorstandsmitglied der Siemens AG, beriet sich mit mir, welche Maßnahmen zur Sicherung eines hochqualifizierten Nachwuchses im Rahmen der von ihm und Herrn Beckurts angestrebten Kooperation Siemens-TUM angezeigt wären. Unabhängig davon berichtete mir Herr Präsident Wild von Bemühungen des Landesverbands der Bayerischen Industrie e.V. (LBI), als wissenschaftspolitische Maßnahme die Förderung der hochbegabten Studierenden zu unterstützen - in einem Zeitpunkt, als das Hochschul-Rahmengesetz des Bundes solche Aktivitäten nicht als Aufgabe der Hochschulen ansah.
Im Vordergrund der Überlegungen stand die erschreckende Beobachtung, daß in Fächern, die für den technologischen Fortschritt ausschlaggebend sind und die große Studentenzahlen aufweisen - Informatik, Physik, Elektrotechnik, Maschinenbau - die Hochbegabten in der Masse der Studierenden untergingen, dementsprechend nicht genügend in ihren Leistungen gefordert wurden; auch einer für sie besonders notwendigen engeren Betreuung im Regelfall gar nicht zugänglich waren, so daß ihr Studium länger dauerte als es zur Erreichung der Prüfungsleistungen notwendig war, oder daß sie in der Zeit ihres eingeschriebenen Studiums weit weniger von dem reichen Vorlesungsangebot des zweiten Studienabschnitts Gebrauch machten, als es ihnen eigentlich zuzutrauen war.
Herrn Wild und mir war von der Studienstiftung her ein Gegenmittel bekannt: die Veranstaltung von Ferienakademien, wo in der Abgeschiedenheit eines Bergtales Studierende und Professoren in einer kleinen Gruppe seminarartig ein Thema von hohem wissenschaftlichen Anspruch im Laufe zweier Wochen abhandelten. Wir waren uns rasch einig, daß die Situation an den Universitäten eine transparente Lösung erforderte; es sollte sich also jeder Studierende bewerben können, die Auswahl - nach Leistungskriterien - sollte dann den Dozenten vorbehalten bleiben. Ein Unterschied zu den Veranstaltungen der Studienstiftung war allerdings von Anfang an zu beachten: während dort, dem Gruppenleben der Studienstiftung entsprechend, überwiegend interdisziplinäre Themen anstanden, sollte die Ferienakademie der Universitäten von vornherein fachspezifische Kurse haben. Daß dies nicht zur Erleichterung der Anforderungen beitragen würde, war klar, und so wurde 1984 ein erster Versuch gemacht mit drei Kursen, finanziert vom LBI und von der Siemens-TUM-Kooperation. Ein passender Ort im Sarntal, in Südtirol unweit Bozen, war bald gefunden. Die Ergebnisse überraschten Herrn Wild, Herrn Gumin und mich nicht so sehr, wohl aber einige der Kollegen Professoren, die wir unter Appell an ihre Selbstlosigkeit angeheuert hatten: in vierzehn Tagen konnte man den Stoff einer zwei- bis dreistündigen einsemestrigen Vorlesung bewältigen; die Studierenden erhielten nicht nur den von vielen erwünschten engen persönlichen Kontakt mit den Professoren, auch die Professoren fanden es anregend und nach den Frustrationen des normalen Studienbetriebs ermutigend, mit diesen ausgezeichneten jungen Menschen arbeiten zu können. Hauptsächlich aber ist der Leistungsanreiz zu nennen, den die Studierenden durch eine solche Veranstaltung erhalten, wobei sie einerseits mehr Zutrauen in ihre Fähigkeiten bekommen. andererseits aber auch ihre Grenzen kennenlernen. insbesondere wenn sie sich mit anderen Hochbegabten messen müssen.
Daß die Ferienakademie fortgesetzt werden sollte, war übereinstimmender Wunsch aller Beteiligten; bereits für die nächste, 1985 mit 7 Kursen stattfindende Ferienakademie war es nicht mehr schwierig, die Kollegen Professoren von den Vorteilen, die die Teilnahme auch für sie brachte, zu überzeugen; wenn schon es für jeden ein persönliches Opfer darstellte, während der vorlesungsfreien Zeit für zwei Wochen vom gewohnten Arbeitsplatz entfernt und so gut wie unerreichbar zu sein.
Thematisch war das Feld durch die Wissenschaftsgebiete, die im Kern der Siemens-TUM-Kooperation liegen, und durch die technisch-wissenschaftlichen Interessen der im LBI zusammengeschlossenen Firmen einigermaßen umrissen. Die einzelnen Themen wechselten, so wie auch bei den Professoren ein gewisser Fluß stattfand, blieben aber schwerpunktmäßig ziemlich konstant. Die vollständige Aufzählung aller seit 1984 gehaltenen rund einhundert Kurse ist im Anhang zu finden, ich darf deshalb summarisch die Einzelgebiete umreißen:
Ich sagte schon, daß nur Idealisten unter den Professoren sich für die Ferienakademie zur Verfügung stellen. Auch die Mühen der Vorbereitung sind beträchtlich. Aber die Gewinnung eines späteren hervorragenden Mitarbeiters wiegt manches auf. Objektiv feststellbar ist. daß die Diplomarbeiten der durch die Ferienakademie geförderten Studierenden generell auf hohem, an Doktorarbeiten heranreichenden wissenschaftlichen Niveau stehen - ohne daß sie deshalb längere Zeit in Anspruch nehmen.
Auch haben häufig die Querbeziehungen zwischen den von den Professoren vertretenen speziellen Arbeitsgebieten zu besonderer Befruchtung geführt. Häufig wurde ich von Kollegen gebeten, zwei oder drei Kurse aus verschiedenen Disziplinen, die eine besondere Berührung zeigten, im selben Haus unterzubringen - eine nicht immer erfüllbare Bitte. Darüber hinaus hat die enge Berührung, die ein Zwangsaufenthalt in den Bergen auch zwischen Kollegen mit sich bringt, eine im Verhältnis der beiden Universitäten ganz bemerkenswerte Änderung mit sich gebracht: Nicht nur wurden Vorurteile abgebaut, es formten sich auch Kooperationen bis hin zur Gründung von Forschungsverbunden, darunter das Bayerische Forschungszentrum für Wissensbasierte Systeme (FORWISS) und der Bayerische Forschungsverbund für Technisch-Wissenschaftliches Höchstleistungsrechnen (FORTWIHR).
Für die Finanzierung sind hauptsächlich die Kosten für die Unterbringung der Teilnehmer - Studierende und Professoren - von Belang. Wir gingen von einem ursprünglichen Richtwert von 15 Studierenden pro Kurs inzwischen auf einen von 13 Studierenden pro Kurs zurück. dazu kommen pro Kurs zwei Professoren - in der Regel einer aus Erlangen-Nürnberg, einer aus München - und ein wissenschaftlicher Mitarbeiter. Daneben fallen an die Transportkosten (mit Bus) für die Studierenden, eine mäßige Aufwandsentschädigung für die Dozenten und geringe Materialkosten. Insgesamt rechnen wir seit Jahren ziemlich konstant (dank der Entwicklung der Lira) mit Kosten von DM 25 000 pro Kurs, wobei je nach Situation im Jahr 8 bis 10 Kurse stattfinden. Wir erhielten in den letzten Jahren regelmäßig DM 55 000 vom LBI und größenordnungsmäßig DM 170 000 von der Siemens AG pro Jahr.
Wichtig ist uns, daß die Studierenden den Bezug zu ihrer eigenen und der Nachbar-Hochschule vertiefen können. Wir haben seit Jahren Gesprächsabende mit den Präsidenten bzw. Rektoren, Vizepräsidenten und Altpräsidenten der beiden Universitäten. Seit 1991 veranstalten wir auch jeweils einen formellen Vortrag, dessen Manuskript gedruckt und allen Teilnehmern zur Verfügung gestellt wird. Am Vorabend des 3. Oktober 1991 hielt Herr Rektor Gotthart Jasper einen vielbeachteten Vortrag mit dem Thema 'Der Tag der Deutschen Einheit. Zur Geschichte und Problematik der deutschen Nationalfeiertage'. 1992 sprach Altpräsident und Staatsminister a. D. Wild über das ebenfalls aktuelle Thema 'Elitebildung in der Massenuniversität'. 1993 hielt Herr Präsident Otto Meitinger den Vortrag über das sehr relevante Thema 'Wissenschaft und Wirtschaft. Technologie- Transfer in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft'. 1994 wandte sich das Thema der auf der 125-Jahr-Feier der TUM aufgeworfenen Frage der ethischen Verantwortung zu: Herr Vizepräsident Johann Rastetter sprach über 'Ethische Aspekte ärztlichen Handelns'. Für 1995 ist ein Vortrag von Herrn von Kuenheim, dem langjährigen Vorsitzenden des Bundes der Freunde der Technischen Universität München, über das Thema 'Verantwortung in der Wirtschaftspolitik' geplant. Über die Jahre hinweg hielt auch Herr Altpräsident Nikolaus Fiebiger regelmäßig Vorträge über hochschulpolitische Themen.
Einen besonderen Anreiz für Studierende und Dozenten bieten die Gesprächsabende mit führenden Herren aus der Wirtschaft. die eigens zu diesem Zweck anreisen. Nach einer kurzen Vorstellung und der Fixierung eines Diskussionsmittelpunktes durch den Gast findet regelmäßig eine lebhafte bis lebhafteste Diskussion mit den Teilnehmern der Ferienakademie statt, bis zur gegenseitigen Erschöpfung. Offensichtlich haben beide Seiten, der Gast und die Teilnehmer, einen Gewinn davon, denn es gelang uns immer wieder, Gäste zu wiederholtem Male ins Sarntal zu holen, obwohl die Standpunkte der Studierenden öfter kontrovers waren. Es begann mit einem Gesprächsabend, den
Selbstverständlich war die Ferienakademie bereits im zweiten Jahr, 1985, Ziel von Angriffen extremer Gruppierungen, die versuchten, sie als Machenschaft der bösen Kapitalisten zu diffamieren. Einige etwas überlegtere Gruppierungen versuchten, sich zu informieren und veranlaßten ihre Parteigänger, sich - unbeschadet ideologischer Differenzen - um die Teilnahme an der Ferienakademie zu bewerben. Manche dieser Studenten und Studentinnen waren unschwer einzuordnen, andere waren wohl gut getarnt. Einige waren von dem tatsächlichen Ablauf jedoch so begeistert, daß sie sich offenbarten. Spätestens seit 1989 ist die Kritik von dieser Seite 'eingeschlafen'.
Tatsächlich ist der Weitsicht von 'Industriekapitänen' sehr zu danken, unbeschadet der grundgesetzlichen Verpflichtungen des Staates und über diese hinaus um die Sicherung des auf wirtschaftlicher Prosperität gegründeten hohen sozialen Leistungsstands in Deutschland besorgt zu sein. Die Bildung von Leistungs-Eliten - nur darum geht es - ist eine der vielfachen Möglichkeiten, die weitschauende private und Einzel-Initiative besser bewirken kann als der allgemeinen Zielen verpflichtete Staat. Wir hoffen, daß künftige Ferienakademien weiterhin die moralische und finanzielle Unterstützung des Landesverbands der Bayerischen Industrie haben werden und daß im Rahmen von Kooperationsverträgen, wie dem zwischen dem Haus Siemens und der TUM, eine solide Basis für die Weiterführung der Ferienakademie gefunden werden kann.Wenn auch inzwischen das Hochschul-Rahmengesetz des Bundes dahingehend geändert worden ist. daß Veranstaltungen, die wie die Ferienakademie nur für wenige zugänglich sind, nicht mehr gebannt sind, so zei gt doch die Erfahrung, daß der bürokratische Staat immer zu dirigistischen Eingriffen neigt. Dies jedoch hat die die Ferienakademie unterstützende Industrie immer zu vermeiden gewußt. Bei ihr ist die Ferienakademie gut aufgehoben.
Es verbleibt mir, zu danken: Vor allem den Präsidenten und Rektoren der beteiligten Universitäten für ihre anhaltende Unterstützung. Dankbar zu erwähnen ist nochmals der Landesverband der Bayerischen Industrie, der unter den Herren Dr. Heinz Gumin, Siemens AG und Dr. Anton Peisl, Siemens AG die Ferienakademie förderte; mit Herrn Dr. Hanns-Egon Freund als Geschäftsführer im Hintergrund, aber sehr wirksam, tätig. Im Rahmen der Kooperation mit der Siemens AG waren uns eine große Hilfe die Herren Peter Thust und Bernd Fischer. Dem Bund der Freunde der TUM danken wir für die konstruktive und effektive Unterstützung bei der finanziellen Abwicklung. Von den beteiligten Universitäten waren mit der Organisation betraut die Herren
Das Sarntal hat es uns angetan, nicht zuletzt der Leute wegen. Die Wirtseheleute Groß (Rabensteinerhof), Rungger (Feldrand), Gruber (Kircherhof) und Tobanelli (Murrerhof) wetteiferten in der Bewirtung, Franz Stofner und seine Schwestern gaben uns Geschichten, Lieder, Trachten und Bilder zum besten. Die Bürgermeister der Gemeinde Sarnthein, zuletzt Herr Dr. Murr, halfen uns mannigfach, insbesondere durch Überlassung des neuen Gemeindehauses für eine Einführungsveranstaltung. Josef Groß, in Fa. Sarner Reisen, hat uns sicher in den Dolomiten und über die Alpen gefahren. Und schließlich hatte auch der liebe Gott ein Einsehen. er gab uns (meistens) schönes Wetter und bewahrte vor allem die jungen, bergfreudigen Leute vor schwereren Unfällen. Dafür sei besonders gedankt. Auch wünsche ich mir, daß Südtirol in seinen Bergen eine glückliche Zukunft haben möge und das Sarntal seine Abgeschiedenheit und Ruhe bewahren kann.