TU München
Hauptseminar Mathematiker während der NS-Zeit
Sommersemester 2003

Deutsche Mathematik
1. Nationalsozialismus und Mathematik
2. Die DMV in der Zeit des Nationalsozialismus
2.1. Was ist die DMV?
2.2. Der Annalenstreit - DMV gegen Ende der Weimarer Republik
2.3. Vorstöße Ludwig Bieberbachs in der DMV
2.4. Die Satzungskrise
2.5. Zeit unter dem Vorsitz von Wilhelm Süss
3. Deutsche Mathematiker
3.1. Theodor Vahlen
3.2. Ludwig Bieberbach
3.3. Oswald Teichmüller
3.4. Erhard Tornier
3.5. Helmut Hasse
3.6. Wilhelm Süss
3.7. Helmut Wielandt
3.8. Gustav Doetsch
4. Quellen

1. Nationalsozialismus und Mathematik
"Der völkische Staat hat [...] seine gesamte Erziehungsarbeit in erster Linie nicht auf das Einpumpen bloßen Wissens einzustellen, sondern auf das Heranzüchten kerngesunder Körper. Erst in zweite Linie kommt dann die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten. Hier aber wieder an der Spitze die Entwicklung des Charakters, besonders der Förderung der Willens- und Entschlusskraft, Verbunden mit der Erziehung zur Verantwortungsfreudigkeit und erst als Letztes die wissenschaftliche Schulung." (Hitler, Mein Kampf, 2.Band, München 1927, S.452)

Dieses Zitat aus Hitlers "Mein Kampf" offenbart deutlich den Zwiespalt, in dem sich der Nationalsozialismus zur Mathematik und den Naturwissenschaften im Allgemeinen befand. Auf der einen Seite stand die ideologische Herabsetzung oder Verachtung von Wissenschaft und geistiger Bildung, da der nationalsozialistische Grundgedanke und die Weltanschauung größtenteils auf irrationalen Prinzipien beruhte und vor allem Anderen einen übersteigerten Körperkult pflegte. Andererseits sah sich das Regime in seinen politischen sowie vor allem militärischen Zielen und Planungen in einer unausweichlichen praktische Abhängigkeit von den Wissenschaften. Es war selbst für hartnäckige Ideologen unmöglich die Tatsche zu ignorieren, dass man in bestimmten Bereichen einfach auf die Mathematik angewiesen war.

In der Folge kam es deshalb zu folgender Entwicklung: Die Mathematik bzw. genauer die mathematische Forschung und Lehre an den Hochschulen erlitt einen enormen Einbruch, während in verschiedenen Forschungsgruppen und Instituten beachtliche, nicht unbeträchtliche Ergebnisse erzielt wurden. Der Rückschritt an den Hochschulen hatte allerdings auch noch verschiedene weitere Gründe, die nicht oder nur bedingt mit dem Nationalsozialismus zu tun hatten. So gingen in den 30er Jahren die Studentenzahlen ganz allgemein beträchtlich zurück, in der Mathematik jedoch überdurchschnittlich stark. Diese grundsätzliche Entwicklung wurde in erster Linie durch die geburtenschwachen Jahrgänge aus der Zeit des Ersten Weltkriegs verursacht. In der Mathematik kamen aber noch die schlechten Berufsaussichten in einer Branche hinzu, die in der Ideologie des führenden Regimes nur einen kleinen Stellenwert einnahm. Einige Mathematiker, der bekannteste war Ludwig Bieberbach, versuchten diese Stellung zu verbessern, indem sie die NS-Ideologie in die Mathematik mit einfließen lassen wollten (siehe unten).
Der Hauptgrund für die Rückentwicklung an den Universitäten war aber die Absetzung und die Vertreibung von "hochrangigen" Mathematikern. Dies geschah nicht in Form einer umwälzenden Hochschulreform, sondern mit Hilfe einiger Gesetze, die Beamte im Allgemeinen betrafen (Gesetz zur Wiederherstellung des Berufbeamtentums (BBG) von 1933, Reichsbürgergesetz (RGB) von 1935, Akademieerlass von 1938). Hiermit wurden nach und nach Beamte aus rassenideologischen und/oder politischen Gründen entlassen. Nicht nur die tatsächliche Anwendung dieser Gesetze, sondern schon ihre bloße Existenz veranlasste viele Professoren und Dozenten entweder Deutschland zu verlassen oder in den Ruhestand zu treten. Dies führte dazu, dass Deutschland, das bis zu jener Zeit zu den bedeutendsten Zentren der Mathematik gehörte, schnell an Bedeutung verlor. Auch das Vorgehen des Regimes bei der Neubesetzung mancher Stellen und Lehrstühle (viele wurden gar nicht erst wieder besetzt) führte zu einem deutlichen Absinken des akademischen Niveaus. Oft wurden nicht, wie sonst allgemein üblich, möglichst geeignete und begabte Nachfolger vorgeschlagen, sondern in erster Hinsicht politische Gefolgsmänner oder zumindest dem Regime "gefügige" Personen ausgewählt.

Dem entgegengesetzt machte vor allem die angewandte Mathematik in Deutschland außerhalb der Universitäten während der NS-Zeit Fortschritte. In vielen Forschungsgruppen und -instituten wurden für die Kriegsforschung wichtige und bemerkenswerte Ergebnisse, insbesondere für die Luftfahrt respektive natürlich die Luftwaffe, erzielt. Hier konnte frei und ohne große Einschränkungen gearbeitet werden. Die Nazis waren sich der Bedeutung solcher Ergebnisse für die Zwecke ihrer Kriegsmaschinerie durchaus bewusst und förderten diese Arbeiten entsprechend.

Einfach zusammengefasst lässt sich also sagen, dass die Mathematik, und zwar in besonderem Maße an den Hochschulen, in den Jahren 1933-1945 ganz erheblich unter dem Hitler-Regime zu leiden hatte.
So sei als Anschauung für die damalige Entwicklung folgende Anekdote erwähnt: David Hilbert auf die Frage des Reichsministers für Wissenschaft Bernhard Rust, ob die Mathematik in Göttingen durch den Weggang der jüdischen Mathematiker wirklich so gelitten hat: "Jelitten? Dat hat nich jelitten, Herr Minister. Dat jibt es doch janich mehr!"


Quellen: - Quelle [1], Seite 17ff, Seite 23, Seite 39

- Quelle [2], Seite 46, Seite 92

2. Die DMV in der Zeit des Nationalsozialismus
2.1. Was ist die DMV?
Die Deutsche Mathematiker- Vereinigung (DMV) wurde 1890 in Bremen gegründet. Sie ist die berufsständische Vertretung von Mathematikerinnen und Mathematikern in Deutschland. Als solche dient sie zur Förderung der mathematischen Wissenschaft und deren Anwendungen, des Weiteren vertritt sie die wissenschaftlichen Interessen ihrer Mitglieder.

In Deutschland war die Zeit für die Schaffung einer Mathematiker-Vereinigung im 19 Jahrhundert reif. Im Laufe dieser Zeitspanne hatten sich immer mehr und neue Teildisziplinen herausgebildet, so in der Mitte des Jahrhunderts etwa die reine Mathematik, gegen Ende desselben die angewandte Mathematik. Dadurch war die Mathematik, die bis dahin immer eng an die anderen Naturwissenschaften, wie z.B. die Physik, gebunden war, nun in der Lage sich von diesen zu trennen und als eigenständige Wissenschaft zu bestehen. Auch im Ausland wurden in dieser Zeitphase eigene mathematische Vereinigungen gegründet, beispielsweise das "Moskowskoe Matematitscheskoe Obedinenie" (1864), die "London Mathematical Society" (1865), die "Societé Mathematique de France" (1872) und die "New York Mathematical Society" (1888, Zusammenschluss 1894 mit "American Mathematical Society").

Die Entstehung der DMV war kein geradliniger und schneller Prozess, sondern es lässt sich eine über 20jährige Entwicklungsphase verfolgen. Im 19. Jahrhundert waren die Mathematiker anfangs in der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte (GdNÄ) vertreten. 1867 machte A. Clebsch den ersten Anlauf zur Gründung einer eigenen Vereinigung von Mathematikern. Er regte eine Abspaltung der in der GdNÄ vertretenen Mathematiker und einen Zusammenschluss dieser in einer durch eine straffere Struktur gekennzeichnete Organisation an. Dieser Vorstoß brachte jedoch noch nicht das gewünschte Ergebnis, aber er führte zur Gründung der Fachzeitschrift "Mathematische Annalen".
Mitte der 1870er Jahre wurde ein weiterer Anlauf zur Gründung einer Mathematikervereinigung unternommen. Es gelang aber offensichtlich nicht, alle mathematischen Richtungen in das Projekt miteinzubeziehen, so dass ihm letztendlich auch kein Erfolg beschieden war.

1889/90 machte Georg Cantor einen neuen Versuch. Er überwand alle sich bietenden Hindernisse und räumte Zweifel seiner Kollegen aus. Am 18. September 1890 wurde die DMV gegründet. Auf dem ersten Jahrestag der DMV 1891 in Halle wurden die Statuten vorbereitet und eine Geschäftsordnung verabschiedet. Schnell zeigte sich, dass die Mitglieder eifrig Ergebnisse austauschten und der neue Verband nicht nur akzeptiert, sondern ein Erfolg war. Regelmäßig wurden Berichte aus den einzelnen mathematischen Fachgebieten veröffentlicht, was zu Fortschritten und Wissensverbreitung in einzelnen Disziplinen, darunter natürlich ganz besonders die neuentstandenen, wie etwa Cantors Mengenlehre, beitrug.
Das nachstehende Foto zeigt die Gründungsmitglieder der DMV.

Gründungsmitglieder der DMV

Die DMV hatte bald eine hohe internationale Anziehungskraft und Akzeptanz. Die Mitglieder stammten um die Jahrhundertwende nicht nur aus Deutschland, sondern viele kamen aus dem restlichen Europa sowie Russland, aber auch aus Amerika und sogar einige wenige aus Asien.


Quellen: - Quelle [1], Kapitel 1
2.2. Der Annalenstreit - DMV gegen Ende der Weimarer Republik
Die Geschehnisse innerhalb der DMV während des Nationalsozialismus hängen eng mit Machtkämpfen in der Vereinigung während der Weimarer Republik zusammen. Deshalb erscheint es angebracht, eine kurze Zusammenfassung dieser Konflikte vorauszuschicken.

Viele deutsche Wissenschafter in der Weimarer Republik waren nach der schmerzhaften und für viele unerklärlichen Niederlage im Ersten Weltkrieg von Nichtakzeptanz der eigenen schwachen Regierung und von einem enormen Nationalstolz geprägt. Sie sahen die Wissenschaft als geeignetes Mittel an, die "Stärke Deutschlands" aufzuzeigen. Dies führte in der Folge auch zum so genannten Annalenstreit innerhalb der DMV.

Schon 1925 verhinderten die Mitherausgeber der Zeitschrift "Mathematische Annalen" Ludwig Bieberbach und der Holländer L.E.J. Brouwer die vom geschäftsführenden Herausgeber Otto Blumenthal beabsichtigte Aufnahme von einigen französischen Beiträgen in einen Riemann-Gedenkband.
Als 1928 erstmals nach dem Krieg wieder deutsche Mathematiker zum Internationalen Mathematikerkongress in Bologna eingeladen wurden, 1920 in Straßburg und 1924 in Toronto war das nicht der Fall gewesen, kam es zu einer neuen Auseinandersetzung zwischen der nationalen Fraktion um Bieberbach und Brouwer und der liberalen, nicht streng deutschnationalen Seite um David Hilbert und seinen Göttinger Kollegen.
Bieberbach war der Meinung, man sollte dem Kongress fernbleiben, zum Einen, weil er vermutete, dass das "Conseil International de Recherche", welches der deutschen Wissenschaft nicht gerade positiv gegenüberstand, an der Organisation des Kongresses beteiligt war. Außerdem stand ein Ausflug ins "befreite Südtirol" auf der Tagesordnung, für einen national denkenden Menschen wie Bieberbach eine Beleidigung höchsten Ausmaßes. Hilbert sah dies anders. Ihm schwebte von jeher eine Zusammenarbeit zwischen Mathematikern, auch international vor. So führte er mit seinen Göttinger Kollegen Landau und Courant die deutsche Delegation beim Mathematikerkongress an, während aus Berlin um Bieberbach keine Mathematiker teilnahmen.

So entstand in Deutschland ein Konflikt zwischen den mathematischen Instituten Berlins und Göttingens, der neben den politischen Gründen auch noch durch unterschiedliche Lehrmeinungen, nämlich den in Berlin hoch angesehenen Intuitionismus und den in Göttingen praktizierten Formalismus, verschärft wurde. Nach dem Kongress von Bologna setzte Hilbert durch, dass Brouwer nicht länger als Mitherausgeber der Annalen fungieren sollte, indem ein neuer Vertrag mit dem Springerverlag geschlossen wurde. Demzufolge sollten nur noch Hilbert, Blumenthal und Hecke als Herausgeber auf der Titelseite geführt werden.
Bieberbach und Brouwer protestierten bei Ferdinand Springer, allerdings erfolglos, worauf sie ihm mangelndes Nationalgefühl vorwarfen.

Rückblickend zeigt sicht, dass bereits lange vor der offiziellen Machtergreifung durch den Nationalsozialismus bereitwillig nationale Gründe für die Durchsetzung eigener fachpolitischer Interessen herangeführt wurden.


Quellen: - Quelle [1], Kapitel 4.2
2.3. Vorstöße Ludwig Bieberbachs in der DMV
1933 war die Situation in der DMV die folgende. Ludwig Bieberbach war Schriftführer, Helmut Hasse Schatzmeister und Otto Blumenthal war als drittes Vorstandsmitglied formal für die Herausgabe der Jahresberichte der DMV zuständig, wobei diese im Wesentlichen praktisch von Bieberbach gehandhabt wurde.
Bis ins Jahr 1934 arbeitete die DMV weiter wie in den Jahren zuvor, d.h. man unternahm nichts gegen die durch das BBG vorgenommenen Entlassungen von (jüdischen) Kollegen an den Universitäten und wissenschaftlichen Instituten. Scheinbar vertrat man die Auffassung, dass dies nicht in den Aufgabenbereich der DMV falle.

Als Otto Blumenthal im Zusammenhang mit seiner Entlassung in Aachen Mitte 1933 von seinem Amt in der DMV zurücktrat, hatten Hasse und Bieberbach hinsichtlich seines Nachfolgers unterschiedliche Vorstellungen. Auf dem Jahrestag 1933 wurden dann aber Konrad Knopp zum dritten Vorstand und Oskar Perron zum Vorsitzenden, der die DMV nach außen repräsentiert, gewählt. Nachdem auch noch Issai Schur von seinem Amt im Ausschuss zurückgetreten war (der erweiterte Vorstand der DMV besteht aus einem Ausschuss von neun Mitgliedern, wobei sechs von diesen von den Vereinigungsmitgliedern für einen Zeitraum von drei Jahren gewählt werden; diese sechs wählen die drei Vorstandsmitglieder (Schriftführer, Schatzmeister und den Herausgeber der Jahresberichte), deren Amt erst durch Beendigung der Mitgliedschaft oder durch Rücktritt erlischt; der Ausschuss wählt schließlich noch eines seiner Mitglieder zum Vorsitzenden), schlug Bieberbach Prof. Conrad Müller als Nachfolger vor, da sowohl er als auch seine Frau rein arischer Abstammung waren.
Der Ausschuss beschloss auf dem Jahrestag weiters, dass der Gewählte in Zukunft mit der Erklärung der Wahlannahme sicherstellte, dass er rein arischer Abstammung sei und im Sinne des nationalen Staates handle (so fasste Bieberbach in seinen Worten den Entschluss zusammen).
Damit hatte die DMV die Gleichschaltung, zumindest was die Rassenzugehörigkeit ihrer Führung angeht, vollzogen.

Ludwig Bieberbach begann 1934 damit, Mathematiker bezüglich ihrer Herkunft, Rasse und ihres mathematischen Stils zu kategorisieren. Dabei stützte er sich auf die Integrationstypologie des Wahrnehmungspsychologen Erich Rudolf Jaensch. Dieser war ordentlicher Professor für Philosophie und Direktor des Philosophischen Seminars und des Psychologischen Instituts in Marburg. Er hatte eine Unterteilung in den S-Typen, den so genannten Gegentypus, und den J-Typus vorgenommen. Jeder Typ wurde nochmals weiter unterteilt. Grob gesagt war der S-Typ biologisch unterwertig (er ordnete Juden dem S-Typ zu, aber auch viele Franzosen), der J-Typ hingegen biologisch vollwertig, so war der J2-Typ beispielsweise der "deutsche Idealistentyp".
Bieberbach, der sich für eine "Deutsche Mathematik" einsetzte, sei es aus persönlicher Überzeugung oder um den Stellenwert der Mathematik in den Augen der Nationalsozialisten zu steigern, griff diese Begriffe auf und ordnete fast alle bekannten Mathematiker diesen Typen zu. In vielen Vorträgen griff er immer wieder rassenpolitische Themen in Bezug zur Mathematik auf. Er unterschied deutlich zwischen der "Deutschen Mathematik", vorzugsweise geprägt vom Intuitionismus, und der "Jüdischen Mathematik", die er mit dem Formalismus gleichsetzte. So attackierte er beispielsweise stark den Unterrichtsstil des Göttinger Professors Edmund Landau und befürwortete den Boykott der Göttinger Studenten gegen Landaus Vorlesung.

Ludwig Bieberbach hielt mit seiner Meinung auch öffentlich nicht hinter dem Berg und tat sie in zahlreichen Vorträgen kund. Über einen dieser Vorträge erschien ein Artikel in der "Deutschen Zukunft", einer Zeitschrift, die sich an akademische Leser wandte. Diesen Artikel las Harald Bohr, ein dänischer Mathematiker, der daraufhin selbst einen Artikel schrieb, in dem er Bieberbach angriff. Er meinte, er sei gewohnt als Repräsentanten der deutschen mathematischen Wissenschaften andere, größere und sauberere Gestalten vor Augen zu haben [als Bieberbach].
Bieberbachs Reaktion darauf löste einen tief greifenden Streit aus, der die DMV erschütterte. Ohne sich mit den Mitherausgebern abzusprechen stellte Bieberbach einen "Offenen Brief an Harald Bohr" in die Jahresberichte der DMV. In diesem Brief griff er sowohl die "Deutsche Zukunft", die ihn seiner Meinung nach als Ausländerfeind darstellte, als auch Harald Bohr aufs Übelste an. Hasse und Knopp, die Mitherausgeber der Jahresberichte, bekamen den Brief erst beim Korrekturverfahren zu Gesicht. Beide beschwerten sich bei Bieberbach, denn ihrer Meinung nach hatte ein solcher Brief in den Jahresberichten nichts zu suchen. Sie befürchteten auch, dass der Eindruck entstehen könnte, Bieberbach spreche für die ganze DMV. Im Glauben, Bieberbach würde den Brief zurückziehen, leiteten sie keine weiteren Schritte ein. Anschließend veröffentlichte Bieberbach den Brief doch, ohne sich um deren Einwände zu kümmern.

Hasse und Knopp waren daraufhin natürlich empört. Sie einigten sich schließlich mit dem Vorsitzenden Perron darauf, auf eigene Kosten ein Extrablatt drucken zu lassen, um darin klarzustellen, dass Bieberbach den Brief ohne Wissen der Mitherausgeber veröffentlicht hatte und er keineswegs die Meinung des DMV widerspiegelte. Der Verlag weigerte sich letztlich aber die Extrablätter zu verschicken, weil kein formeller Beschluss des Vorstands dafür vorlag. Auch Hasses Vorschlag, dass in Zukunft keine weltanschaulichen Artikel mehr in den Jahresberichten gedruckt werden sollten, konnte sich nicht durchsetzen.

Bieberbach, der scheinbar stets Rückendeckung durch das Reichskulturministeriums in Person seines Freundes Theodor Vahlen erfuhr, ging weiter in die Offensive. Er schlug vor, dass Theodor Vahlen und Erhard Tornier beim nächsten Jahrestag in den Ausschuss gewählt werden sollten, und er forderte die Einführung des Führerprinzips in der DMV.
Hasse, Knopp und Perron erkannten, das es unmöglich war, dieser Forderung grundsätzlich zu widersprechen. Sie einigten sich folglich auf Blaschke als Gegenkandidaten zu Tornier um das Führeramt in der DMV, um zumindest hier einen gemäßigten Einfluss zu wahren.

Auf der Mitgliederversammlung von Bad Pyrmont im Jahre 1934 gelang es Ludwig Bieberbach, die Angelegenheit "Bohr" nahezu ungeschoren zu überstehen. Ihm wurde zugesprochen, lediglich die Belange des Dritten Reiches wahren zu wollen, da die Untersuchung schnell vom eigentlichen Vergehen Bieberbachs, nämlich die Jahresberichte als sein persönliches politisches Forum missbraucht zu haben, abkam und zu einer nationalpolitischen Diskussion ausuferte, in deren Folge die Meinung vertreten wurde, dass Bohr den neuen deutschen Staat als solchen angriff. Letztlich wurden nur die Form wie Bieberbach vorgegangen war und das Übergehen der Mitherausgeber kritisiert.
Ansonsten fiel Bieberbachs Antrag zum Übergang auf das Führerprinzip mit Tornier als Führer durch. Stattdessen ging die DMV zum gemäßigten Führerprinzip mit Blaschke als Vorsitzenden über. Zur Durchführung wurde eine Satzungsänderung beschlossen. Der Vorsitzende sollte demnach auf zwei Jahre gewählt werden und alleine den Vorstand bilden. Weiter sollte er alle Vorstands- und Ausschussmitglieder ernennen und entlassen können. Hier lag aber ein grundsätzlicher Widerspruch der neuen Formulierung, denn wenn der Vorsitzende allein den Vorstand bildet, welche Vorstandsmitglieder sollte er dann ernennen bzw. entlassen?

Dieses Problem griff Ludwig Bieberbach in der Folge wieder auf, was zur so genannten Satzungskrise der DMV führte.


Quellen: - Quelle [1], Kapitel 4.1, Kapitel 4.3, Kapitel 4.4
2.4. Die Satzungskrise
Der Streit bzw. die Folgen für Bieberbach auf der Mitgliederversammlung bezüglich des "Bohr-Briefs" waren dermaßen lächerlich, dass viele wissenschaftlich hochrangige Mitglieder dies nicht mittragen wollten und aus der DMV austraten, darunter Weyl, von Neumann, Bohr und Courant.

Bieberbach, der als Schriftführer dafür zuständig war die beschlossenen Satzungsänderungen am Vereinsgericht in Leipzig eintragen zu lassen, zögerte dies mit Hinweis auf die oben angesprochenen formalen Unzulänglichkeiten immer weiter hinaus. Die neue Vereinigungssatzung konnte somit nicht rechtskräftig werden.
Knopp, Hasse und Blaschke verfassten währenddessen einen Rundbrief an die DMV-Mitglieder, in dem sie Bieberbachs "unaufrichtiges und unkollegiales Verhalten" anprangerten. Ungeschickterweise wurde der Brief auch an zahlreiche ausländische Mitglieder geschickt. Dies griff Bieberbach gleich auf und leitete wieder einen nationalpolitischen Gegenangriff ein. Er warf den dreien vor einen deutschen Kollegen [Bieberbach] im Ausland zu diffamieren, was seiner Meinung nach bedauernswerter Mangel an Nationalgefühl sei.
Damit schlug Bieberbach genau in die Kerbe des Regimes. Mit Rückendeckung von Vahlen forderte er Blaschke zum Rücktritt auf. Ferner sollte Hamel Blaschkes Nachfolger werden, bis eine neue Satzung eingeführt werden könne, die sowohl die Beschlüsse von Bad Pyrmont als auch den Wunsch des Ministeriums erfülle, dass die Leitung der DMV vom Reichserziehungsminister bestätigt werden musste. Damit sollte sichergestellt werden, dass die DMV von einer Person geführt wurde, die der Regierung opportun war.

Blaschke übernahm auf der Sitzung die alleinige Verantwortung für den Rundbrief und trat zugunsten Hamels als Nachfolger zurück. Auch Bieberbach legte sein Amt nieder, da es seiner Meinung nach die Beschlüsse von Bad Pyrmont so vorsahen. Es kam aber im weiteren Verlauf nicht zur Festlegung einer neuen Satzung. Tatsächlich wurde nur festgelegt, dass Hasse und Knopp bei allen wichtigen Entscheidungen die Zustimmung Hamels einholen mussten. Dies wurde jedoch nur protokollarisch und nicht rechtlich festgehalten. Somit wurde das Führerprinzip nur in recht abgemilderter Form für die DMV eingeführt. Die ursprüngliche Satzung wurde aber dahingehend nicht abgeändert, wie eigentlich vorgesehen.

Das Ministerium gab sich jedoch damit zufrieden und verzichtete vorerst auf weitere Interventionen.
Für Hasse und Knopp war dies ein gewisser Erfolg, da sie es endlich geschafft hatten, Bieberbach aus der Führung der DMV zu verdrängen.


Quellen: - Quelle [1], Kapitel 4.4, Kapitel 4.5
2.5. Zeit unter dem Vorsitz von Wilhelm Süss
Infolge der alten, immer noch gültigen Satzung bestand nicht die Möglichkeit, länger als drei Jahre den Vorsitz der DMV innezuhaben, weswegen Erhard Schmidt 1937 nicht wieder gewählt werden konnte. Über Umwege wurde deshalb Wilhelm Süss der neue Vorsitzende. 1938 wurde die Satzung dahingehend verändert, dass diese Einschränkung fallengelassen wurde. So konnte Süss bis 1945 durch mehrmalige Wiederwahl im Amt bleiben.
Der im Akademieerlass von 1938 vorgeschriebene Übergang zum Führerprinzip an wissenschaftlichen Akademien und Vereinigungen ging aber weiterhin nicht in die Satzungsneuerungen ein. Erst 1941 übernahm Süss auch noch das Amt des Schriftführers, was quasi einer Annäherung an das Führerprinzip bedeutete. Dies wurde aber weder in der Satzung festgelegt noch erfolgte es gemäß einer anderweitigen Bestimmung.

Im Akademieerlass, der kurz nach dem Novemberprogrom verabschiedet wurde, wurde ebenso festgelegt, dass alle ordentlichen Mitglieder von wissenschaftlichen Akademien und Vereinigungen Reichsbürger nach dem Reichsbürgergesetz sein müssten. Dies bedeutete, dass alle "reichsdeutschen Juden" von der DMV auszuschließen waren.
In den Jahren zuvor gab es keine direkte Anweisung vom Ministerium, wie mit jüdischen Mitgliedern umgegangen werden sollte. Die DMV schloss daher niemanden direkt aus. Nur jüdische Mitglieder, die mit ihren Mitgliedsbeiträgen zwei Jahre im Rückstand waren, wurden ausgeschlossen, was aber nur wenige betraf. Ab 1938 setzte das Ministerium durch, dass der Verbleib von jüdischen und emigrierten Mitgliedern nicht mehr in den Jahresberichten verzeichnet werden durfte. So wurden auch keine Adressänderungen mehr bekannt gegeben.

Durch diesen Akademieerlass, der auch auf die DMV anzuwenden war, traten gegen Ende 1938 Blumenthal, Brauer, Dehn, Hamburger, Hellinger, Rosenthal, Schur und Toeplitz aus.
Die vom Ministerium vorgenommenen "Säuberung" der DMV dauerte aber mehrere Jahre und vollzog sich nicht von heute auf morgen. Selbst 1942, mitten im 2.Welkrieg, schieden noch "inländische Juden" aus. Auf "ausländische Juden" war der Akademieerlass schwerer anzuwenden, aber vom Ministerium wurde bekannt gegeben, dass auch diese ausgeschlossen werden könnten, ebenso Emigranten.

Die DMV hatte sich wie fast alle Organisationen nicht nach außen hin gegen den Druck der Nazis gewehrt. Aber intern gab es durchaus Widerstand, zumindest gegen allzu starke Einflussnahme durch die NSDAP oder ihre Sympathisanten. Dafür ist z.B. Hasses und Knopps Einsatz gegen Bieberbach anzuführen.


Quellen: - Quelle [1], Kapitel 4.6
3. Deutsche Mathematiker
3.1. Theodor Vahlen
  • geboren 1869 in Wien
  • ab 1911 Ordinarius für Mathematik in Greifswald
  • Winter 1923/24 eintritt in die Großdeutsche Volkspartei (Ersatzorganisation für NSDAP)
  • 1924 -1927 Gauleiter in Pommern, NSDAP-Reichtagsabgeordneter
  • 1927 in Greifswald ohne Anspruch auf Ruhegeld entlassen
  • 1930 TH Wien
  • 1933 Greifswald
  • Hochschulabteilung des Preußischen Kulturministeriums
  • 1934-1937 Leiter des Amtes für Wissenschaften im Nachfolgeministerium des Preußischen Kulturministeriums
  • bringt mit Bieberbach Zeitung "Deutsche Mathematik" heraus (ab 1936)
  • gestorben 1945 in Prag
Theodor Vahlen
Theodor Vahlen trat schon sehr früh in die NSDAP bzw. in die Großdeutsche Volkspartei ein. Er gehörte einer Gruppe (um die Gebrüder Straßer) in der Partei an, die die sozialistischen Themen stark betonte und die sich mehr und mehr von Hitler entfernte. Deswegen musste er 1927 sein Amt als Gauleiter in Pommern niederlegen, das er seit 1924 belegt hatte. Im selben Jahr wurde er nach langem Prozess in Greifswald entlassen, weil er am Verfassungstag 1924 die Fahne des Reiches und die Preußens am Universitätsgebäude hatte einholen lassen.

1934 wurde er Leiter des Amtes für Wissenschaft im Reichskulturministerium. In dieser Position förderte nach Kräften er die Bemühungen Ludwig Bieberbachs um eine "Deutsche Mathematik". Zusammen brachten sie eine Zeitschrift mit diesen Namen heraus. 1937 musste er das Amt wohl wegen der Machtkämpfe die zum Sturz Johannes Starks als Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft führten verlassen.


Quellen: - Quelle [1], Seite 61

- http://www.ifz-muenchen.de/vierteljahrshefte/vfz_1_2001.html

3.2. Ludwig Bieberbach
  • geboren 1886 in Goddelau, Hessen
  • 1911 Habilitation über Gruppen von euklidischen Bewegungen
  • als Professor nach Basel, Frankfurt und Berlin berufen
  • Annahme des Lehrstuhls für Analytische Geometrie in Berlin
  • bekannt durch die "Bieberbachsche Vermutung"
  • Mitte der 30er Jahren Schriftführer in der DMV
  • 1936 ruft er das Magazin "Deutsche Mathematik" ins Leben
  • verliert nach dem Krieg wegen seiner politischen Aktivitäten alle seine Positionen als Dozent
  • gestorben 1982
Ludwig Bieberbach
Ludwig Bieberbach gehörte zu jenen Mathematikern, die sich für eine "Deutsche Mathematik" einsetzten. Er war schon immer nationalistisch eingestellt, die Niederlage im 1.Weltkrieg schmerzte ihn sehr. Seine rassistischen Ansichten kamen aber scheinbar erst mit der Entstehung des Dritten Reiches hinzu. 1933 trat er in die SA ein. Beim Marsch nach Potsdam nahm er mit seinen Söhnen in SA-Uniformen gekleidet teil. Wie oben bereits erwähnt griff er die Integrationstypologie von Jaensch auf. Seine Versuche eine "Deutsche Mathematik" zu begründen und diese auch in die DMV zu tragen schlugen fehl. Ab 1936 stellte er Bemühungen in diese Richtung weitestgehend ein. In seiner Zeitschrift "Deutsche Mathematik" erschienen relativ wenige nationalpolitisch bzw. nationalsozialistisch geprägter Artikel.

Wie überzeugt er jedoch von seinen Ansichten war erkennt man aus der folgenden Geschichte. Als ihn die Alliierten zu den insbesondere für prominente Deutsche verpflichtenden Entnazifizierungsvefahren in die Spruchkammern holten, machte er sich die Mühe dem ihm befragenden Offizier bis ins kleinste Detail seine Typisierung der S- und J-Typen zu erklären. Er wollte den Mann wirklich von seiner Theorie überzeugen.

Sein Verhalten während der NS-Zeit hatte zur Folge, dass er nach dem Krieg alle seine Positionen als Dozent niederlegen musste.


Quellen: - B. Yandell: The Honors Class, 2002, Natick, MA, Seite 281ff

- Quelle [1], Seite 34

- Quelle [2], Seite 88, Seite 98

3.3. Oswald Teichmüller
  • geboren 1913 in Nordhausen (Harz)
  • studiert in Göttingen
  • 1933 leitet er Landau-Boykott
  • stellt sich anfangs auch gegen Hasse als neuer Leiter in Göttingen
  • Wechsel nach Berlin durch Bieberbach
  • Stipendien durch Vahlen und Bieberbach halten ihn über Wasser
  • fühlt sich in Berlin trotzdem unwohl
  • 1943 freiwillig an die Ostfront
  • September 1943 am Dnjpr gefallen

Oswald Teichmüller

Oswald Teichmüller war eines der größten mathematischen Talente seiner Zeit. Sein Hauptgebiet waren geometrische Funktionen. Die Weiterführung seines Forschungsprogramms über den Zusammenhang von quasikonformen Abbildungen und quadratischen Differentialen auf Riemannschen Flächen trägt seinen Namen.
Was seine Weltanschauung und seine politische Einstellung anging, war er aus heutiger Sicht sehr radikal und weit weniger herausragend. So war er aus Überzeugung Mitglied in der NSDAP. Während seiner Studienzeit in Göttingen war er einer der Leiter des Boykotts gegen die Vorlesungen des jüdischen Professors Edmund Landau. Dieser Boykott ging sogar soweit, dass SA-Wachen den Studenten, die gewillt waren in die Vorlesung zu gehen, den Weg in den Hörsaal versperrten. Dadurch schuf sich Teichmüller eine starke Position in Göttingen. Als ein neuer Leiter für das Institut gesucht wurde, stellte er sich auch lange Helmut Hasse in den Weg und setzte sich für Erhard Tornier ein. Hasse hatte schwer dagegen zu kämpfen, wurde dann aber doch der neue Leiter. Später wechselte Teichmüller dann auf Wunsch Bieberbachs nach Berlin, wo er eine scheinbar schlechtbezahlte Dozentenstelle annahm. Vahlen und Bieberbach förderten ihn und hielten ihn mit Stipendien über Wasser.

Er fühlt sich in Berlin aber zunehmend unwohl. Dies und die Tatsache, dass er ein überzeugter Nationalsozialist war, veranlassten ihn der Wehrmacht beizutreten. Sein erster Kampfeinsatz führte ihn nach Norwegen. 1943 meldete er sich freiwillig an die zusammenbrechende Ostfront. Dort fiel er im September 1943 in der Gegend um den Dnjpr.

Teichmüller verfasste zahlreiche mathematische Aufsätze und Werke, 21 davon erschienen in der "Deutschen Mathematik". Einige seiner besten Arbeiten schrieb er in seinem Zelt an der Front.


Quellen: - Quelle [1], Seite 32ff

- http://www-gap.dcs.st-and.ac.uk/~history/Mathematicians/Teichmuller.html

3.4. Erhard Tornier
  • geboren 1894 in Obernigk (Schlesien)
  • Kieler Privatdozent
  • wird vom Ministerium Mitte der 30er als Ordinarius nach Göttingen geschickt
  • 1935 Leiter des Instituts für Mathematische Statistik in Göttingen
  • 1936 von Hasse nach Berlin abgeschoben
  • 1939 Ruhestand
  • 1982 Gestorben

 

Über Erhard Tornier ist relativ wenig bekannt. Er wurde in der Mitte der 30er Jahre immer dort hingeschickt, wo nationalsozialistisch denkende Mathematiker gebraucht wurden. So sollte er zunächst die Leitung des Göttinger Instituts übernehmen. Die rechtsgerichteten Studenten um Teichmüller unterstützten ihn dabei. Er konnte sich jedoch nicht gegen Hasse durchsetzen und wurde von diesem, nachdem er sich mehrmals und hartnäckig über Tornier beim Ministerium beschwert hatte, schließlich nach Berlin zu Ludwig Bieberbach abgeschoben. Auch der Versuch Tornier zum "Führer" der DMV zu machen scheiterte (siehe oben).

Mathematisch war Tornier sicherlich begabt. Er befasste sich sehr mit der Wahrscheinlichkeitstheorie. Er war aber weit davon entfernt auf einer Stufe mit Hasse, Teichmüller oder auch Bieberbach zu stehen. Charakterlich war Tornier sicherlich sehr schwierig, Schappacher nennt ihn sogar "rabaukenhaft".
Er war ein überzeugter Nationalsozialist, der sich immer wieder zu Wort meldete wenn es um die Belange des Nationalsozialismus im Bereich der Mathematik ging.


Quellen: - Quelle [1], Seite 32ff

- http://www.math.uni-goettingen.de/Allgemeines/Geschichte/vorlesungsverzeichnisse.html

3.5. Helmut Hasse
  • geboren 1898 in Kassel
  • lebt bis 1913 in Kassel, dann nach Berlin
  • studiert in Kiel, Göttingen und Marburg, u.a. unter Landau, Hilbert, E. Noether, Hecke und Hensel
  • vor 1933 Positionen an den Universitäten von Kiel, Halle und Marburg
  • entwickelte in Marburg das "Hasse-Prinzip" oder das "lokal-globale" Prinzip in der Algebraischen Zahlentheorie
  • 1934 nach Göttingen berufen
  • Schatzmeister in der DMV
  • 1939 bis 1945 arbeitet er in Berlin an ballistischen Problemen für die Marine
  • von den Briten nach seiner Rückkehr nach Göttingen entlassen
  • 1946 arbeitete er an der Berliner Akademie
  • dann Dozent an der Humboldt Universität in Berlin
  • ab 1950 an der Universität Hamburg
  • 1966 in Hamburg emeritiert
  • gestorben 1979 in Ahrensburg

Helmut Hasse

Helmut Hasse war ein exzellenter Mathematiker. Er verfasste einige wichtige Arbeiten im Bereich der Algebra und der Zahlentheorie.

Hasses Einstellung zum Nationalsozialismus war gemischt. Er selbst war sehr nationalistisch eingestellt. Die Niederlage im 1.Weltkrieg sowie der Vertrag von Versailles, die für die deutsche Bevölkerung nicht nachvollziehbar waren, nagten sehr an ihm. Deshalb sah er den Aufstieg der neuen, starken Regierung und des Dritte Reichs positiv. Die neue Stärke Deutschlands gefiel ihm.
Auf der anderen Seite war Hasse kein Rassist. Er hatte jüdische Freunde und Mitarbeiter, zu denen er zu keiner Zeit, auch als es seiner Position nicht zuträglich war, den Kontakt abbrach oder die Zusammenarbeit aufgab. Dies war auch der Grund dafür, dass er 1937 nicht in die NSDAP aufgenommen wurde. Während des Krieges arbeitete er an ballistischen Problemen für die Marine in Berlin, für die er schon im 1.Weltkrieg in die Schlacht gezogen war.

Nach dem Krieg hatte Hasse Probleme mit den alliierten Besatzungsmächten. Er sah nicht ein, dass Hitler nur Verbrechen begangen haben sollte. Für ihn war er gegen die Ungerechtigkeit angegangen, die der Vertrag von Versailles über Deutschland gebracht hat. So dachte er weiter national, weshalb ihm die Amerikaner zunächst untersagten zu unterrichten. Es war ihm aber erlaubt weiter zu forschen. Gegen Ende der 40er Jahre wurde das Verbot jedoch aufgehoben und er ging als Professor nach Hamburg.

In den 30er Jahren hatte Hasse im Gebiet der Mathematik mit den nationalsozialistisch geprägten Mathematikern zu kämpfen. Zum einen hatte er es nicht leicht, die ihm angebotene Stelle als Direktor des Mathematischen Instituts in Göttingen auszuführen. Er musste sich sowohl gegen nationalsozialistische Studentengruppen um Teichmüller als auch gegen nationalsozialistische Kollegen wie Tornier durchsetzen. Dies gelang ihm jedoch und er rettete in Göttingen was nach dem Verfall des Instituts, der durch den Eingriff der Nationalsozialisten ausgelöst wurde, noch zu retten war. Auch in der DMV setzte sich Hasse gegen die nationalsozialistischen Vorstöße von Kollegen wie Ludwig Bieberbach ein (siehe oben).

All dies zusammen betrachtet ergibt sich, dass Hasse sicher kein Nationalsozialist war. Aber sein Nationalgefühl, insbesondere in Verbindung mit dem Vertrag von Versailles, brachten ihn dazu vieles an den Nationalsozialisisten gutzuheißen.


Quellen: - B. Yandell: The Honors Class, 2002, Natick, MA, Seite 250ff

- Quelle [1], Seite 32ff

- http://www-gap.dcs.st-and.ac.uk/~history/Mathematicians/Hasse.html

- http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~ci3/biograph.pdf

- http://www.butx.com/halfon/hasse1_e.htm

3.6. Wilhelm Süss
  • geboren 1895
  • studiert in Freiburg, Göttingen, Frankfurt
  • 1915 Einberufen
  • nach Kriegsende Wiederaufnahme seines Studiums in Frankfurt
  • promoviert 1920 in Frankfurt bei Ludwig Bieberbach
  • 1921 zusammen mit Bieberbach Wechsel nach Berlin
  • 1921/1922 Bieberbachs Assistent
  • 1923-28 Lektor in Kagoshima/Japan
  • 1928 Habilitation bei Hellmuth Kneser in Greifswald
  • 1934 Übernahme des Ordinariats des entlassenen Alfred Loewy in Freiburg
  • 1937 Eintritt in die NSDAP
  • 1938 Mitglied des Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbundes
  • 1938-1940 Dekan der Naturwissenschaftlichen-Mathematischen Fakultät in Freiburg
  • 1940-1945 Rektor in Freiburg
  • 1937-1945 Vorsitzender der DMV
  • 1943 Fachvertreter der Mathematik im Reichsforschungsrat
  • nach Kriegsende kurzzeitig von den Franzosen vom Dienst suspendiert, aber nach zwei Monaten wieder eingestellt
  • gestorben 1958

 

Nach Volker R. Remmert war Süss kein überzeugter Nationalsozialist. Er äußerte phasenweise auch Kritik am Vorgehen des Regimes im Umgang mit den Wissenschaften. Dennoch stand er der nationalsozialistischen Anschauung nah und war Mitglied in der NSDAP. Sein Verhalten lässt sich aber auch damit erklären, dass er die Stellung der Mathematik und seine eigene Position stärken wollte. Und dies ging zur damaligen Zeit eigentlich nur über Parteinähe.

Süss kam 1934 nach Freiburg. Anfangs arbeitete er eng mit Doetsch zusammen. Gemeinsam setzten sie sich für ihre fachpolitischen Interessen ein. So forderten sie beispielsweise während der Satzungskrise der DMV Knopp, Hasse und Blaschke zum Rücktritt auf. Mit dem Verhalten Bieberbachs waren sie dabei scheinbar einverstanden. Mit der Zeit verschlechterte sich aber ihr Verhältnis zueinander zusehends. Während des Krieges und in der Nachkriegszeit hatten sie oftmals unterschiedlich Ansichten, die einen Konflikt zwischen ihnen auslösten. Süss, der wesentlich geschickter im Umgang mit Menschen und Einrichtungen war als Doetsch, ging dabei mehrmals als Sieger hervor.

Während des Dritten Reichs baute sich Süss kontinuierlich ein Netz aus Beziehungen zu wichtigen Personen in den unterschiedlichsten Ebenen auf. Er hatte ein gutes Verhältnis zu Bernhard Rust, dem Reichserziehungsminister. Auch zum Ministerialdirektor des Badischen Kulturministeriums Karl Gärtner und zum Leiter des Amtes für Wissenschaften im REM Theodor Vahlen und dessen Nachfolgern Otto Wacker und Rudolf Mentzel hatte er gute Kontakte. Diese ermöglichten es ihm immer wieder, dass seine fachlichen Interessen Gehör fanden.

Von 1940-1945 wurde er zum Rektor der Universität Freiburg gewählt, in den zwei Jahren davor war er Dekan der Naturwissenschaftlichen-Mathematischen Fakultät. Von 1937-1945 war er der Vorsitzende der DMV in der Position als "Führer". In seine Amtszeit fiel die durch den Akademieerlass veranlasste Ausschlusswelle jüdischer Mitglieder aus der DMV.

Nach dem Krieg wurde Süss von der französischen Besatzungsmacht kurzzeitig suspendiert, was aber kurze Zeit später wieder aufgehoben wurde. Dies hing wohl nicht damit zusammen, dass man Süss als unbedenklich einstufte. Vielmehr hatte Süss auch gute Kontakte zu französischen Kollegen und auch unter den deutschen Kollegen großen Einfluss. Dabei spielte sicher auch eine Rolle, dass die Franzosen auch von Süss Kenntnissen und Beziehungen profitieren wollten.


Quellen: - Quelle [3]
3.7. Helmut Wielandt
  • geboren 1910 in Niedereggenen, Kreis Lörrach
  • 1929-1934 Studium von Mathematik, Physik und Philosophie in Berlin
  • 1934 promoviert er bei Issai Schur und Erhardt Schmitt
  • 1937 Eintritt in die NSDAP und SA (bis 1939)
  • 1938 Assistentenstelle in Tübingen
  • 1939 Habilitation
  • September 1939 Einzug zum Wehrdienst (Einsätze in Frankreich und Russland)
  • Versetzung für theoretische Arbeiten an das Kaiser-Wilhelm Institut für Strömungsforschung in Göttingen
  • nach Kriegsende Rückkehr nach Tübingen
  • August 1945 Amtsenthebung wegen Mitgliedschaft bei der SA und der NSDAP
  • Oktober 1945 Rückgängigmachung der Amtsenthebung
  • 1946 außerordentlicher Professor an der Uni Mainz
  • 1951 Nachfolger von Konrad Knopp als ordentlicher Professor an der Universität Tübingen
  • 1977 Emeritiert
  • gestorben 2001 in Schliersee

Helmut Wieland

Die Geschichte Helmut Wielandts während des Dritten Reichs zeigt auf, wie schwer es für junge Mathematiker ohne politisches Interesse war, Stellungen und Förderung zu erhalten.
Nachdem Wielandt 1934 bei Schur und Schmitt in Berlin promovierte, versuchte er lange vergebens eine Assistentenstelle oder eine Dozentenstelle zu erhalten, und dies obwohl er sehr fleißig und fachlich mehr als talentiert war. Auch die Unterstützung Schurs nützte nichts, was auch nicht weiter verwundert, weil Schur ja Jude war. In Berlin wurden ihm immer wieder weniger talentierte, jedoch politisch engagierte Kollegen vorgezogen. Dies veranlasste Wielandt, 1937 sowohl der NSDAP als auch der SA beizutreten. Tatsächlich hatte die darauf folgende Bewerbung für eine Assistentenstelle in Tübingen Erfolg, wenngleich auch der Dozentenschaftsleiter anfangs noch skeptisch bezüglich Wielandts Stellung zum Regime war, weil er ja erst 1937 in die Organisationen eingetreten war. Letztlich bekam er dann aber die Stelle.

1939 erlosch mit der Einberufung zur Wehrmacht seine Mitgliedschaft in der SA. Nachdem er zunächst an den Feldzügen in Frankreich und Russland teilnahm, wurde er 1942 ans Kaiser-Wilhelm Institut für Strömungsforschung in Göttingen versetzt, nachdem sich Knopp und Kamke bei den zuständigen Stellen für Wielandt eingesetzt hatten. Dort arbeitete er insbesondere an aerodynamischen Berechnungen.

Nach dem Krieg kehrte Wielandt nach Tübingen zurück, wo er zunächst wegen seiner Mitgliedschaften bei der NSDAP und der SA seines Amts enthoben wurde. Er konnte jedoch glaubhaft erklären, dass er nicht aus Überzeugung sondern lediglich der aussichtslosen Berufssituation als junger Mathematiker wegen Mitglied dieser Organisationen wurde. So wurde die Suspendierung zwei Monate später wieder rückgängig gemacht.


Quellen: - "Anpassen oder nicht? Die Geschichte eines Mathematikers im Deutschland der Jahre 1933-1950" von Volker Mehrmann und Hans Schneider
3.8. Gustav Doetsch
  • geboren 1892
  • studiert Mathematik in Göttingen, Berlin und München
  • dient im ersten Weltkrieg als Artilleriebeobachter, ab 1916 Flugbeobachter bei den Fliegertruppen
  • bei Kriegsende ist er Leutnant der Reserve
  • 1920 promoviert er bei Landau in Göttingen
  • 1921 Habilitation an der TU Hannover
  • 1922 Lehrauftrag in Halle
  • 1924 Ordinariat an der TH Stuttgart
  • 1931 Ordinariat in Freiburg
  • 1939 Einberufung als Hauptmann der Reserve zur Luftwaffe
  • 1940 Arbeit in der Forschungsführung des Reichsluftfahrtministeriums
  • nach Kriegsende Verlust seines Freiburger Ordinariats (Entnazifizierung)
  • 1951 bekommt er sein Ordinariat in Feiburg zurück
  • Emeritierung
  • gestorben 1977

Gustav Doetsch

Gustav Doetsch gab sich ab 1934 betont nationalsozialistisch. Dies hatte wohl damit zu tun, dass er in den 20er Jahren ein aktives Mitglied der "Deutschen Friedensgesellschaft", des "Reichs- und Heimatbunds Deutscher Katholiken" und des "Friedensbunds Deutscher Katholiken" gewesen war. Aus Angst um seine Stellung suchte er die Nähe zum Regime. Tatsächlich wurde Doetschs Vergangenheit vom Reichskulturministerium argwöhnisch geprüft, was für Doetsch letztlich aber keine Konsequenzen mit sich trug. Er war nie Parteimitglied.

1934 setzte er sich dafür ein, dass Süss nach Freiburg kommt. Anfangs arbeiteten die beiden gut zusammen, mit zunehmender Dauer verschlechterte sich aber ihr Verhältnis zueinander und Doetsch wurde durch Süss mehr und mehr isoliert.
Während des Kriegs arbeitete Doetsch die meiste Zeit in der Forschungsführung des Reichsluftfahrtministeriums. Seine Position wurde aber auch dort mit zunehmender Zeit schlechter. Dies hatte wohl auch mit Doetsch fehlenden Einfluss auf wichtige Personen des Dritten Reichs und seinem direkten, unbequemen Charakter zu tun.

Nach dem Krieg hatte Doetsch wesentlich mehr Probleme mit der französischen Militärverwaltung als Süss, obwohl Süss beispielsweise Parteimitglied war und Doetsch nicht. Erst 1951 bekam er sein Ordinariat in Freiburg zurück. Dort war er aber bis zu seiner Emeritierung isoliert. Er musste sogar seine Vorlesungen im Hauptgebäude der Universität abhalten und nicht im Gebäude der Mathematischen Fakultät.


Quellen: - Quelle [3]
4. Quellen
 
  • Quelle [1]:
Norbert Schappacher und Matrin Kneser: Fachverband - Institut - Staat. In: Ein Jahrhundert Mathematik 1890-1990
  • Quelle [2]:
Herbert Mehrtens, Steffen Richter (Hrsg.): Naturwissenschaft, Technik und NS-Ideologie. Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte des Dritten Reiches. Frankfurt 1980.
  • Quelle [3]:
Volker R. Remmert: Vom Umgang mit der Macht: Das Freiburger Mathematische Institut im "Dritten Reich" . 1999.

Vortrag:

Hauke Heibel

heibel@in.tum.de

Ausarbeitung & Research: Thomas Pfennig

Stefan Rosenegger

pfennig@in.tum.de

rosenegg@in.tum.de