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TU München |
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| Hauptseminar Mathematiker während der NS-Zeit | ||
| Sommersemester 2003 | ||
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| Deutsche Mathematik |
| 1. Nationalsozialismus und Mathematik |
| 2. Die DMV in der Zeit des Nationalsozialismus |
| 2.1. Was ist die DMV? |
| 2.2. Der Annalenstreit - DMV gegen Ende der Weimarer Republik |
| 2.3. Vorstöße Ludwig Bieberbachs in der DMV |
| 2.4. Die Satzungskrise |
| 2.5. Zeit unter dem Vorsitz von Wilhelm Süss |
| 3. Deutsche Mathematiker |
| 3.1. Theodor Vahlen |
| 3.2. Ludwig Bieberbach |
| 3.3. Oswald Teichmüller |
| 3.4. Erhard Tornier |
| 3.5. Helmut Hasse |
| 3.6. Wilhelm Süss |
| 3.7. Helmut Wielandt |
| 3.8. Gustav Doetsch |
| 4. Quellen |
| 1. Nationalsozialismus und Mathematik | |||||||
| "Der völkische Staat hat [...] seine gesamte Erziehungsarbeit in erster Linie nicht auf das Einpumpen bloßen Wissens einzustellen, sondern auf das Heranzüchten kerngesunder Körper. Erst in zweite Linie kommt dann die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten. Hier aber wieder an der Spitze die Entwicklung des Charakters, besonders der Förderung der Willens- und Entschlusskraft, Verbunden mit der Erziehung zur Verantwortungsfreudigkeit und erst als Letztes die wissenschaftliche Schulung." (Hitler, Mein Kampf, 2.Band, München 1927, S.452)
Dieses Zitat aus Hitlers "Mein Kampf" offenbart deutlich den Zwiespalt, in dem sich der Nationalsozialismus zur Mathematik und den Naturwissenschaften im Allgemeinen befand. Auf der einen Seite stand die ideologische Herabsetzung oder Verachtung von Wissenschaft und geistiger Bildung, da der nationalsozialistische Grundgedanke und die Weltanschauung größtenteils auf irrationalen Prinzipien beruhte und vor allem Anderen einen übersteigerten Körperkult pflegte. Andererseits sah sich das Regime in seinen politischen sowie vor allem militärischen Zielen und Planungen in einer unausweichlichen praktische Abhängigkeit von den Wissenschaften. Es war selbst für hartnäckige Ideologen unmöglich die Tatsche zu ignorieren, dass man in bestimmten Bereichen einfach auf die Mathematik angewiesen war. In der Folge kam es deshalb zu folgender Entwicklung: Die Mathematik bzw. genauer die mathematische Forschung und Lehre an den Hochschulen erlitt einen enormen Einbruch, während in verschiedenen Forschungsgruppen und Instituten beachtliche, nicht unbeträchtliche Ergebnisse erzielt wurden. Der Rückschritt an den Hochschulen hatte allerdings auch noch verschiedene weitere Gründe, die nicht oder nur bedingt mit dem Nationalsozialismus zu tun hatten. So gingen in den 30er Jahren die Studentenzahlen ganz allgemein beträchtlich zurück, in der Mathematik jedoch überdurchschnittlich stark. Diese grundsätzliche Entwicklung wurde in erster Linie durch die geburtenschwachen Jahrgänge aus der Zeit des Ersten Weltkriegs verursacht. In der Mathematik kamen aber noch die schlechten Berufsaussichten in einer Branche hinzu, die in der Ideologie des führenden Regimes nur einen kleinen Stellenwert einnahm. Einige Mathematiker, der bekannteste war Ludwig Bieberbach, versuchten diese Stellung zu verbessern, indem sie die NS-Ideologie in die Mathematik mit einfließen lassen wollten (siehe unten). Dem entgegengesetzt machte vor allem die angewandte Mathematik in Deutschland außerhalb der Universitäten während der NS-Zeit Fortschritte. In vielen Forschungsgruppen und -instituten wurden für die Kriegsforschung wichtige und bemerkenswerte Ergebnisse, insbesondere für die Luftfahrt respektive natürlich die Luftwaffe, erzielt. Hier konnte frei und ohne große Einschränkungen gearbeitet werden. Die Nazis waren sich der Bedeutung solcher Ergebnisse für die Zwecke ihrer Kriegsmaschinerie durchaus bewusst und förderten diese Arbeiten entsprechend. Einfach zusammengefasst lässt sich also sagen, dass die Mathematik, und zwar in besonderem Maße an den Hochschulen, in den Jahren 1933-1945 ganz erheblich unter dem Hitler-Regime zu leiden hatte. |
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| 2. Die DMV in der Zeit des Nationalsozialismus | |||||||
| 2.1. Was ist die DMV? | |||||||
| Die Deutsche Mathematiker- Vereinigung (DMV) wurde 1890 in Bremen gegründet. Sie ist die berufsständische Vertretung von Mathematikerinnen und Mathematikern in Deutschland. Als solche dient sie zur Förderung der mathematischen Wissenschaft und deren Anwendungen, des Weiteren vertritt sie die wissenschaftlichen Interessen ihrer Mitglieder.
In Deutschland war die Zeit für die Schaffung einer Mathematiker-Vereinigung im 19 Jahrhundert reif. Im Laufe dieser Zeitspanne hatten sich immer mehr und neue Teildisziplinen herausgebildet, so in der Mitte des Jahrhunderts etwa die reine Mathematik, gegen Ende desselben die angewandte Mathematik. Dadurch war die Mathematik, die bis dahin immer eng an die anderen Naturwissenschaften, wie z.B. die Physik, gebunden war, nun in der Lage sich von diesen zu trennen und als eigenständige Wissenschaft zu bestehen. Auch im Ausland wurden in dieser Zeitphase eigene mathematische Vereinigungen gegründet, beispielsweise das "Moskowskoe Matematitscheskoe Obedinenie" (1864), die "London Mathematical Society" (1865), die "Societé Mathematique de France" (1872) und die "New York Mathematical Society" (1888, Zusammenschluss 1894 mit "American Mathematical Society"). Die Entstehung der DMV war kein geradliniger und schneller Prozess, sondern es lässt sich eine über 20jährige Entwicklungsphase verfolgen. Im 19. Jahrhundert waren die Mathematiker anfangs in der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte (GdNÄ) vertreten. 1867 machte A. Clebsch den ersten Anlauf zur Gründung einer eigenen Vereinigung von Mathematikern. Er regte eine Abspaltung der in der GdNÄ vertretenen Mathematiker und einen Zusammenschluss dieser in einer durch eine straffere Struktur gekennzeichnete Organisation an. Dieser Vorstoß brachte jedoch noch nicht das gewünschte Ergebnis, aber er führte zur Gründung der Fachzeitschrift "Mathematische Annalen". 1889/90 machte Georg Cantor einen neuen Versuch. Er überwand alle sich bietenden Hindernisse und räumte Zweifel seiner Kollegen aus. Am 18. September 1890 wurde die DMV gegründet. Auf dem ersten Jahrestag der DMV 1891 in Halle wurden die Statuten vorbereitet und eine Geschäftsordnung verabschiedet. Schnell zeigte sich, dass die Mitglieder eifrig Ergebnisse austauschten und der neue Verband nicht nur akzeptiert, sondern ein Erfolg war. Regelmäßig wurden Berichte aus den einzelnen mathematischen Fachgebieten veröffentlicht, was zu Fortschritten und Wissensverbreitung in einzelnen Disziplinen, darunter natürlich ganz besonders die neuentstandenen, wie etwa Cantors Mengenlehre, beitrug.
Die DMV hatte bald eine hohe internationale Anziehungskraft und Akzeptanz. Die Mitglieder stammten um die Jahrhundertwende nicht nur aus Deutschland, sondern viele kamen aus dem restlichen Europa sowie Russland, aber auch aus Amerika und sogar einige wenige aus Asien. |
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| 2.2. Der Annalenstreit - DMV gegen Ende der Weimarer Republik | |||||||
| Die Geschehnisse innerhalb der DMV während des Nationalsozialismus hängen eng mit Machtkämpfen in der Vereinigung während der Weimarer Republik zusammen. Deshalb erscheint es angebracht, eine kurze Zusammenfassung dieser Konflikte vorauszuschicken.
Viele deutsche Wissenschafter in der Weimarer Republik waren nach der schmerzhaften und für viele unerklärlichen Niederlage im Ersten Weltkrieg von Nichtakzeptanz der eigenen schwachen Regierung und von einem enormen Nationalstolz geprägt. Sie sahen die Wissenschaft als geeignetes Mittel an, die "Stärke Deutschlands" aufzuzeigen. Dies führte in der Folge auch zum so genannten Annalenstreit innerhalb der DMV. Schon 1925 verhinderten die Mitherausgeber der Zeitschrift "Mathematische Annalen" Ludwig Bieberbach und der Holländer L.E.J. Brouwer die vom geschäftsführenden Herausgeber Otto Blumenthal beabsichtigte Aufnahme von einigen französischen Beiträgen in einen Riemann-Gedenkband. So entstand in Deutschland ein Konflikt zwischen den mathematischen Instituten Berlins und Göttingens, der neben den politischen Gründen auch noch durch unterschiedliche Lehrmeinungen, nämlich den in Berlin hoch angesehenen Intuitionismus und den in Göttingen praktizierten Formalismus, verschärft wurde. Nach dem Kongress von Bologna setzte Hilbert durch, dass Brouwer nicht länger als Mitherausgeber der Annalen fungieren sollte, indem ein neuer Vertrag mit dem Springerverlag geschlossen wurde. Demzufolge sollten nur noch Hilbert, Blumenthal und Hecke als Herausgeber auf der Titelseite geführt werden. Rückblickend zeigt sicht, dass bereits lange vor der offiziellen Machtergreifung durch den Nationalsozialismus bereitwillig nationale Gründe für die Durchsetzung eigener fachpolitischer Interessen herangeführt wurden. |
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| 2.3. Vorstöße Ludwig Bieberbachs in der DMV | |||||||
| 1933 war die Situation in der DMV die folgende. Ludwig Bieberbach war Schriftführer, Helmut Hasse Schatzmeister und Otto Blumenthal war als drittes Vorstandsmitglied formal für die Herausgabe der Jahresberichte der DMV zuständig, wobei diese im Wesentlichen praktisch von Bieberbach gehandhabt wurde. Bis ins Jahr 1934 arbeitete die DMV weiter wie in den Jahren zuvor, d.h. man unternahm nichts gegen die durch das BBG vorgenommenen Entlassungen von (jüdischen) Kollegen an den Universitäten und wissenschaftlichen Instituten. Scheinbar vertrat man die Auffassung, dass dies nicht in den Aufgabenbereich der DMV falle. Als Otto Blumenthal im Zusammenhang mit seiner Entlassung in Aachen Mitte 1933 von seinem Amt in der DMV zurücktrat, hatten Hasse und Bieberbach hinsichtlich seines Nachfolgers unterschiedliche Vorstellungen. Auf dem Jahrestag 1933 wurden dann aber Konrad Knopp zum dritten Vorstand und Oskar Perron zum Vorsitzenden, der die DMV nach außen repräsentiert, gewählt. Nachdem auch noch Issai Schur von seinem Amt im Ausschuss zurückgetreten war (der erweiterte Vorstand der DMV besteht aus einem Ausschuss von neun Mitgliedern, wobei sechs von diesen von den Vereinigungsmitgliedern für einen Zeitraum von drei Jahren gewählt werden; diese sechs wählen die drei Vorstandsmitglieder (Schriftführer, Schatzmeister und den Herausgeber der Jahresberichte), deren Amt erst durch Beendigung der Mitgliedschaft oder durch Rücktritt erlischt; der Ausschuss wählt schließlich noch eines seiner Mitglieder zum Vorsitzenden), schlug Bieberbach Prof. Conrad Müller als Nachfolger vor, da sowohl er als auch seine Frau rein arischer Abstammung waren. Ludwig Bieberbach begann 1934 damit, Mathematiker bezüglich ihrer Herkunft, Rasse und ihres mathematischen Stils zu kategorisieren. Dabei stützte er sich auf die Integrationstypologie des Wahrnehmungspsychologen Erich Rudolf Jaensch. Dieser war ordentlicher Professor für Philosophie und Direktor des Philosophischen Seminars und des Psychologischen Instituts in Marburg. Er hatte eine Unterteilung in den S-Typen, den so genannten Gegentypus, und den J-Typus vorgenommen. Jeder Typ wurde nochmals weiter unterteilt. Grob gesagt war der S-Typ biologisch unterwertig (er ordnete Juden dem S-Typ zu, aber auch viele Franzosen), der J-Typ hingegen biologisch vollwertig, so war der J2-Typ beispielsweise der "deutsche Idealistentyp". Ludwig Bieberbach hielt mit seiner Meinung auch öffentlich nicht hinter dem Berg und tat sie in zahlreichen Vorträgen kund. Über einen dieser Vorträge erschien ein Artikel in der "Deutschen Zukunft", einer Zeitschrift, die sich an akademische Leser wandte. Diesen Artikel las Harald Bohr, ein dänischer Mathematiker, der daraufhin selbst einen Artikel schrieb, in dem er Bieberbach angriff. Er meinte, er sei gewohnt als Repräsentanten der deutschen mathematischen Wissenschaften andere, größere und sauberere Gestalten vor Augen zu haben [als Bieberbach]. Hasse und Knopp waren daraufhin natürlich empört. Sie einigten sich schließlich mit dem Vorsitzenden Perron darauf, auf eigene Kosten ein Extrablatt drucken zu lassen, um darin klarzustellen, dass Bieberbach den Brief ohne Wissen der Mitherausgeber veröffentlicht hatte und er keineswegs die Meinung des DMV widerspiegelte. Der Verlag weigerte sich letztlich aber die Extrablätter zu verschicken, weil kein formeller Beschluss des Vorstands dafür vorlag. Auch Hasses Vorschlag, dass in Zukunft keine weltanschaulichen Artikel mehr in den Jahresberichten gedruckt werden sollten, konnte sich nicht durchsetzen. Bieberbach, der scheinbar stets Rückendeckung durch das Reichskulturministeriums in Person seines Freundes Theodor Vahlen erfuhr, ging weiter in die Offensive. Er schlug vor, dass Theodor Vahlen und Erhard Tornier beim nächsten Jahrestag in den Ausschuss gewählt werden sollten, und er forderte die Einführung des Führerprinzips in der DMV. Auf der Mitgliederversammlung von Bad Pyrmont im Jahre 1934 gelang es Ludwig Bieberbach, die Angelegenheit "Bohr" nahezu ungeschoren zu überstehen. Ihm wurde zugesprochen, lediglich die Belange des Dritten Reiches wahren zu wollen, da die Untersuchung schnell vom eigentlichen Vergehen Bieberbachs, nämlich die Jahresberichte als sein persönliches politisches Forum missbraucht zu haben, abkam und zu einer nationalpolitischen Diskussion ausuferte, in deren Folge die Meinung vertreten wurde, dass Bohr den neuen deutschen Staat als solchen angriff. Letztlich wurden nur die Form wie Bieberbach vorgegangen war und das Übergehen der Mitherausgeber kritisiert. Dieses Problem griff Ludwig Bieberbach in der Folge wieder auf, was zur so genannten Satzungskrise der DMV führte. |
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| 2.4. Die Satzungskrise | |||||||
| Der Streit bzw. die Folgen für Bieberbach auf der Mitgliederversammlung bezüglich des "Bohr-Briefs" waren dermaßen lächerlich, dass viele wissenschaftlich hochrangige Mitglieder dies nicht mittragen wollten und aus der DMV austraten, darunter Weyl, von Neumann, Bohr und Courant.
Bieberbach, der als Schriftführer dafür zuständig war die beschlossenen Satzungsänderungen am Vereinsgericht in Leipzig eintragen zu lassen, zögerte dies mit Hinweis auf die oben angesprochenen formalen Unzulänglichkeiten immer weiter hinaus. Die neue Vereinigungssatzung konnte somit nicht rechtskräftig werden. Blaschke übernahm auf der Sitzung die alleinige Verantwortung für den Rundbrief und trat zugunsten Hamels als Nachfolger zurück. Auch Bieberbach legte sein Amt nieder, da es seiner Meinung nach die Beschlüsse von Bad Pyrmont so vorsahen. Es kam aber im weiteren Verlauf nicht zur Festlegung einer neuen Satzung. Tatsächlich wurde nur festgelegt, dass Hasse und Knopp bei allen wichtigen Entscheidungen die Zustimmung Hamels einholen mussten. Dies wurde jedoch nur protokollarisch und nicht rechtlich festgehalten. Somit wurde das Führerprinzip nur in recht abgemilderter Form für die DMV eingeführt. Die ursprüngliche Satzung wurde aber dahingehend nicht abgeändert, wie eigentlich vorgesehen. Das Ministerium gab sich jedoch damit zufrieden und verzichtete vorerst auf weitere Interventionen. |
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| 2.5. Zeit unter dem Vorsitz von Wilhelm Süss | |||||||
| Infolge der alten, immer noch gültigen Satzung bestand nicht die Möglichkeit, länger als drei Jahre den Vorsitz der DMV innezuhaben, weswegen Erhard Schmidt 1937 nicht wieder gewählt werden konnte. Über Umwege wurde deshalb Wilhelm Süss der neue Vorsitzende. 1938 wurde die Satzung dahingehend verändert, dass diese Einschränkung fallengelassen wurde. So konnte Süss bis 1945 durch mehrmalige Wiederwahl im Amt bleiben. Der im Akademieerlass von 1938 vorgeschriebene Übergang zum Führerprinzip an wissenschaftlichen Akademien und Vereinigungen ging aber weiterhin nicht in die Satzungsneuerungen ein. Erst 1941 übernahm Süss auch noch das Amt des Schriftführers, was quasi einer Annäherung an das Führerprinzip bedeutete. Dies wurde aber weder in der Satzung festgelegt noch erfolgte es gemäß einer anderweitigen Bestimmung. Im Akademieerlass, der kurz nach dem Novemberprogrom verabschiedet wurde, wurde ebenso festgelegt, dass alle ordentlichen Mitglieder von wissenschaftlichen Akademien und Vereinigungen Reichsbürger nach dem Reichsbürgergesetz sein müssten. Dies bedeutete, dass alle "reichsdeutschen Juden" von der DMV auszuschließen waren. Durch diesen Akademieerlass, der auch auf die DMV anzuwenden war, traten gegen Ende 1938 Blumenthal, Brauer, Dehn, Hamburger, Hellinger, Rosenthal, Schur und Toeplitz aus. Die DMV hatte sich wie fast alle Organisationen nicht nach außen hin gegen den Druck der Nazis gewehrt. Aber intern gab es durchaus Widerstand, zumindest gegen allzu starke Einflussnahme durch die NSDAP oder ihre Sympathisanten. Dafür ist z.B. Hasses und Knopps Einsatz gegen Bieberbach anzuführen. |
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| 3. Deutsche Mathematiker | |||||||
| 3.1. Theodor Vahlen | |||||||
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| Theodor Vahlen trat schon sehr früh in die NSDAP bzw. in die Großdeutsche Volkspartei ein. Er gehörte einer Gruppe (um die Gebrüder Straßer) in der Partei an, die die sozialistischen Themen stark betonte und die sich mehr und mehr von Hitler entfernte. Deswegen musste er 1927 sein Amt als Gauleiter in Pommern niederlegen, das er seit 1924 belegt hatte. Im selben Jahr wurde er nach langem Prozess in Greifswald entlassen, weil er am Verfassungstag 1924 die Fahne des Reiches und die Preußens am Universitätsgebäude hatte einholen lassen.
1934 wurde er Leiter des Amtes für Wissenschaft im Reichskulturministerium. In dieser Position förderte nach Kräften er die Bemühungen Ludwig Bieberbachs um eine "Deutsche Mathematik". Zusammen brachten sie eine Zeitschrift mit diesen Namen heraus. 1937 musste er das Amt wohl wegen der Machtkämpfe die zum Sturz Johannes Starks als Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft führten verlassen. |
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| 3.2. Ludwig Bieberbach | |||||||
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| Ludwig Bieberbach gehörte zu jenen Mathematikern, die sich für eine "Deutsche Mathematik" einsetzten. Er war schon immer nationalistisch eingestellt, die Niederlage im 1.Weltkrieg schmerzte ihn sehr. Seine rassistischen Ansichten kamen aber scheinbar erst mit der Entstehung des Dritten Reiches hinzu. 1933 trat er in die SA ein. Beim Marsch nach Potsdam nahm er mit seinen Söhnen in SA-Uniformen gekleidet teil. Wie oben bereits erwähnt griff er die Integrationstypologie von Jaensch auf. Seine Versuche eine "Deutsche Mathematik" zu begründen und diese auch in die DMV zu tragen schlugen fehl. Ab 1936 stellte er Bemühungen in diese Richtung weitestgehend ein. In seiner Zeitschrift "Deutsche Mathematik" erschienen relativ wenige nationalpolitisch bzw. nationalsozialistisch geprägter Artikel.
Wie überzeugt er jedoch von seinen Ansichten war erkennt man aus der folgenden Geschichte. Als ihn die Alliierten zu den insbesondere für prominente Deutsche verpflichtenden Entnazifizierungsvefahren in die Spruchkammern holten, machte er sich die Mühe dem ihm befragenden Offizier bis ins kleinste Detail seine Typisierung der S- und J-Typen zu erklären. Er wollte den Mann wirklich von seiner Theorie überzeugen. Sein Verhalten während der NS-Zeit hatte zur Folge, dass er nach dem Krieg alle seine Positionen als Dozent niederlegen musste. |
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| 3.3. Oswald Teichmüller | |||||||
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| Oswald Teichmüller war eines der größten mathematischen Talente seiner Zeit. Sein Hauptgebiet waren geometrische Funktionen. Die Weiterführung seines Forschungsprogramms über den Zusammenhang von quasikonformen Abbildungen und quadratischen Differentialen auf Riemannschen Flächen trägt seinen Namen. Was seine Weltanschauung und seine politische Einstellung anging, war er aus heutiger Sicht sehr radikal und weit weniger herausragend. So war er aus Überzeugung Mitglied in der NSDAP. Während seiner Studienzeit in Göttingen war er einer der Leiter des Boykotts gegen die Vorlesungen des jüdischen Professors Edmund Landau. Dieser Boykott ging sogar soweit, dass SA-Wachen den Studenten, die gewillt waren in die Vorlesung zu gehen, den Weg in den Hörsaal versperrten. Dadurch schuf sich Teichmüller eine starke Position in Göttingen. Als ein neuer Leiter für das Institut gesucht wurde, stellte er sich auch lange Helmut Hasse in den Weg und setzte sich für Erhard Tornier ein. Hasse hatte schwer dagegen zu kämpfen, wurde dann aber doch der neue Leiter. Später wechselte Teichmüller dann auf Wunsch Bieberbachs nach Berlin, wo er eine scheinbar schlechtbezahlte Dozentenstelle annahm. Vahlen und Bieberbach förderten ihn und hielten ihn mit Stipendien über Wasser. Er fühlt sich in Berlin aber zunehmend unwohl. Dies und die Tatsache, dass er ein überzeugter Nationalsozialist war, veranlassten ihn der Wehrmacht beizutreten. Sein erster Kampfeinsatz führte ihn nach Norwegen. 1943 meldete er sich freiwillig an die zusammenbrechende Ostfront. Dort fiel er im September 1943 in der Gegend um den Dnjpr. Teichmüller verfasste zahlreiche mathematische Aufsätze und Werke, 21 davon erschienen in der "Deutschen Mathematik". Einige seiner besten Arbeiten schrieb er in seinem Zelt an der Front. |
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| 3.4. Erhard Tornier | |||||||
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| Über Erhard Tornier ist relativ wenig bekannt. Er wurde in der Mitte der 30er Jahre immer dort hingeschickt, wo nationalsozialistisch denkende Mathematiker gebraucht wurden. So sollte er zunächst die Leitung des Göttinger Instituts übernehmen. Die rechtsgerichteten Studenten um Teichmüller unterstützten ihn dabei. Er konnte sich jedoch nicht gegen Hasse durchsetzen und wurde von diesem, nachdem er sich mehrmals und hartnäckig über Tornier beim Ministerium beschwert hatte, schließlich nach Berlin zu Ludwig Bieberbach abgeschoben. Auch der Versuch Tornier zum "Führer" der DMV zu machen scheiterte (siehe oben).
Mathematisch war Tornier sicherlich begabt. Er befasste sich sehr mit der Wahrscheinlichkeitstheorie. Er war aber weit davon entfernt auf einer Stufe mit Hasse, Teichmüller oder auch Bieberbach zu stehen. Charakterlich war Tornier sicherlich sehr schwierig, Schappacher nennt ihn sogar "rabaukenhaft". |
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| 3.5. Helmut Hasse | |||||||
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| Helmut Hasse war ein exzellenter Mathematiker. Er verfasste einige wichtige Arbeiten im Bereich der Algebra und der Zahlentheorie.
Hasses Einstellung zum Nationalsozialismus war gemischt. Er selbst war sehr nationalistisch eingestellt. Die Niederlage im 1.Weltkrieg sowie der Vertrag von Versailles, die für die deutsche Bevölkerung nicht nachvollziehbar waren, nagten sehr an ihm. Deshalb sah er den Aufstieg der neuen, starken Regierung und des Dritte Reichs positiv. Die neue Stärke Deutschlands gefiel ihm. Nach dem Krieg hatte Hasse Probleme mit den alliierten Besatzungsmächten. Er sah nicht ein, dass Hitler nur Verbrechen begangen haben sollte. Für ihn war er gegen die Ungerechtigkeit angegangen, die der Vertrag von Versailles über Deutschland gebracht hat. So dachte er weiter national, weshalb ihm die Amerikaner zunächst untersagten zu unterrichten. Es war ihm aber erlaubt weiter zu forschen. Gegen Ende der 40er Jahre wurde das Verbot jedoch aufgehoben und er ging als Professor nach Hamburg. In den 30er Jahren hatte Hasse im Gebiet der Mathematik mit den nationalsozialistisch geprägten Mathematikern zu kämpfen. Zum einen hatte er es nicht leicht, die ihm angebotene Stelle als Direktor des Mathematischen Instituts in Göttingen auszuführen. Er musste sich sowohl gegen nationalsozialistische Studentengruppen um Teichmüller als auch gegen nationalsozialistische Kollegen wie Tornier durchsetzen. Dies gelang ihm jedoch und er rettete in Göttingen was nach dem Verfall des Instituts, der durch den Eingriff der Nationalsozialisten ausgelöst wurde, noch zu retten war. Auch in der DMV setzte sich Hasse gegen die nationalsozialistischen Vorstöße von Kollegen wie Ludwig Bieberbach ein (siehe oben). All dies zusammen betrachtet ergibt sich, dass Hasse sicher kein Nationalsozialist war. Aber sein Nationalgefühl, insbesondere in Verbindung mit dem Vertrag von Versailles, brachten ihn dazu vieles an den Nationalsozialisisten gutzuheißen.
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| 3.6. Wilhelm Süss | |||||||
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| Nach Volker R. Remmert war Süss kein überzeugter Nationalsozialist. Er äußerte phasenweise auch Kritik am Vorgehen des Regimes im Umgang mit den Wissenschaften. Dennoch stand er der nationalsozialistischen Anschauung nah und war Mitglied in der NSDAP. Sein Verhalten lässt sich aber auch damit erklären, dass er die Stellung der Mathematik und seine eigene Position stärken wollte. Und dies ging zur damaligen Zeit eigentlich nur über Parteinähe.
Süss kam 1934 nach Freiburg. Anfangs arbeitete er eng mit Doetsch zusammen. Gemeinsam setzten sie sich für ihre fachpolitischen Interessen ein. So forderten sie beispielsweise während der Satzungskrise der DMV Knopp, Hasse und Blaschke zum Rücktritt auf. Mit dem Verhalten Bieberbachs waren sie dabei scheinbar einverstanden. Mit der Zeit verschlechterte sich aber ihr Verhältnis zueinander zusehends. Während des Krieges und in der Nachkriegszeit hatten sie oftmals unterschiedlich Ansichten, die einen Konflikt zwischen ihnen auslösten. Süss, der wesentlich geschickter im Umgang mit Menschen und Einrichtungen war als Doetsch, ging dabei mehrmals als Sieger hervor. Während des Dritten Reichs baute sich Süss kontinuierlich ein Netz aus Beziehungen zu wichtigen Personen in den unterschiedlichsten Ebenen auf. Er hatte ein gutes Verhältnis zu Bernhard Rust, dem Reichserziehungsminister. Auch zum Ministerialdirektor des Badischen Kulturministeriums Karl Gärtner und zum Leiter des Amtes für Wissenschaften im REM Theodor Vahlen und dessen Nachfolgern Otto Wacker und Rudolf Mentzel hatte er gute Kontakte. Diese ermöglichten es ihm immer wieder, dass seine fachlichen Interessen Gehör fanden. Von 1940-1945 wurde er zum Rektor der Universität Freiburg gewählt, in den zwei Jahren davor war er Dekan der Naturwissenschaftlichen-Mathematischen Fakultät. Von 1937-1945 war er der Vorsitzende der DMV in der Position als "Führer". In seine Amtszeit fiel die durch den Akademieerlass veranlasste Ausschlusswelle jüdischer Mitglieder aus der DMV. Nach dem Krieg wurde Süss von der französischen Besatzungsmacht kurzzeitig suspendiert, was aber kurze Zeit später wieder aufgehoben wurde. Dies hing wohl nicht damit zusammen, dass man Süss als unbedenklich einstufte. Vielmehr hatte Süss auch gute Kontakte zu französischen Kollegen und auch unter den deutschen Kollegen großen Einfluss. Dabei spielte sicher auch eine Rolle, dass die Franzosen auch von Süss Kenntnissen und Beziehungen profitieren wollten. |
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| 3.7. Helmut Wielandt | |||||||
Die Geschichte Helmut Wielandts während des Dritten Reichs zeigt auf, wie schwer es für junge Mathematiker ohne politisches Interesse war, Stellungen und Förderung zu erhalten. 1939 erlosch mit der Einberufung zur Wehrmacht seine Mitgliedschaft in der SA. Nachdem er zunächst an den Feldzügen in Frankreich und Russland teilnahm, wurde er 1942 ans Kaiser-Wilhelm Institut für Strömungsforschung in Göttingen versetzt, nachdem sich Knopp und Kamke bei den zuständigen Stellen für Wielandt eingesetzt hatten. Dort arbeitete er insbesondere an aerodynamischen Berechnungen. Nach dem Krieg kehrte Wielandt nach Tübingen zurück, wo er zunächst wegen seiner Mitgliedschaften bei der NSDAP und der SA seines Amts enthoben wurde. Er konnte jedoch glaubhaft erklären, dass er nicht aus Überzeugung sondern lediglich der aussichtslosen Berufssituation als junger Mathematiker wegen Mitglied dieser Organisationen wurde. So wurde die Suspendierung zwei Monate später wieder rückgängig gemacht. |
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| 3.8. Gustav Doetsch | |||||||
Gustav Doetsch gab sich ab 1934 betont nationalsozialistisch. Dies hatte wohl damit zu tun, dass er in den 20er Jahren ein aktives Mitglied der "Deutschen Friedensgesellschaft", des "Reichs- und Heimatbunds Deutscher Katholiken" und des "Friedensbunds Deutscher Katholiken" gewesen war. Aus Angst um seine Stellung suchte er die Nähe zum Regime. Tatsächlich wurde Doetschs Vergangenheit vom Reichskulturministerium argwöhnisch geprüft, was für Doetsch letztlich aber keine Konsequenzen mit sich trug. Er war nie Parteimitglied. 1934 setzte er sich dafür ein, dass Süss nach Freiburg kommt. Anfangs arbeiteten die beiden gut zusammen, mit zunehmender Dauer verschlechterte sich aber ihr Verhältnis zueinander und Doetsch wurde durch Süss mehr und mehr isoliert. Nach dem Krieg hatte Doetsch wesentlich mehr Probleme mit der französischen Militärverwaltung als Süss, obwohl Süss beispielsweise Parteimitglied war und Doetsch nicht. Erst 1951 bekam er sein Ordinariat in Freiburg zurück. Dort war er aber bis zu seiner Emeritierung isoliert. Er musste sogar seine Vorlesungen im Hauptgebäude der Universität abhalten und nicht im Gebäude der Mathematischen Fakultät. |
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| 4. Quellen | |||||||
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