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Der Umbruch in Deutschland und dessen Folgen
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Allgemeine Politische Lage:
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ab 1931 größte wirtschaftliche und politische Probleme
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große Zersplitterung der Parteien
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Straßenkämpfe in Berlin und anderen Städten,
Regierung mit Notverordnungen
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30.Januar 1933: Machtergreifung Hitlers
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die Situation in Deutschland verschärft sich, angeheizt,
durch die NS-Propaganda, zusehends
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10. Mai 1933: Bücherverbrennung in Göttingen
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die nationalsozialistische Ideologie räumt der Mathematik
nur eine Randstellung ein:
Auszug aus Hitlers "Mein Kampf":
"Der völkische Staat hat ... seine gesamte
Erziehungsarbeit
in erster Linie nicht auf das Einpumpen bloßen Wissens
einzustellen, sondern auf das Heranzüchten kerngesunder
Körper. Erst in zweiter Linie kommt dann die Ausbildung
der geistigen Fähigkeiten. Hier aber wieder an der Spitze
die Entwicklung des Charakters, besonders die Förderung
der Willens- und Entschlußkraft, verbunden mit der
Erziehung zur Verantwortungsfreudigkeit und erst als Letztes
die wissenschaftliche Schulung."
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Saunders MacLane, damals amerikanischer Student in
Göttingen, schreibt:
- bei seiner Ankunft in Berlin:
"... There communists and social democrats competed with
Nazi storm troopers (the SA)."
- über seine Vermieterin:
"There my landlady regularly provided me evening tea and
talk; I rapidly discovered that two weeks of propaganda
had converted her from mild conservative views to
ardent Nazi discipleship."
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Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums (BBG):
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tritt am 7. April 1933 in Kraft
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mit dem "Arier"-Paragraphen §3 ist es das erste von
den Nationalsozialisten erlassene Judengesetz
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liefert verschiedene Entlassungsgründe:
- §2: wegen politischer Unzuverlässigkeit
- §3: gegen nicht-arische Beamte
- §4: wegen fehlender Garantie, "jederzeit rückhaltlos
für den Nationalen Staat einzutreten"
- §5: zur Herabstufung und/oder Versetzung
- §6: Versetzung in den Ruhestand zur Vereinfachung der
Verwaltung
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dieses Gesetz wurde genutzt, um Dozenten und Professoren
zu entlassen oder in den Ruhestand zu zwingen, die entweder
jüdischer Abstammung waren, oder deren Regimetreue
nicht feststand
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Ausnahme von §3: "Nicht-Arier", die entweder schon vor
August 1914 Beamte oder Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg
waren, wurden von §3 ausgenommen.
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eine ebenfalls diskutierte Ausnahmeregelung für
"hervorragende Wissenschaftler" kam aus unbekannten
Gründen nicht zu stande.
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obwohl §4 nicht sehr oft angewendet wurde, sparte das
Erziehungsministerium aber nicht mit Verweisen auf diese
Kann-Bestimmung
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§4 schwebte damit wie ein Damoklesschwert über so
manchem Mathematikerkopf und hatte eine große
einschüchternde Wirkung
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Die Zerstörung des Göttinger Mathematischen Instituts:
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Zerstörung des Mathematischen Instituts in weniger
als 8 Monaten, zwischen April und November 1933
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von Interesse nicht nur wegen der überragenden Bedeutung
Göttingens als mathematisches Zentrum, sondern auch
wegen der Schnelligkeit und Vollständigkeit der
Zerstörung
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keiner der Göttinger Ordinarien war von §3 bedroht
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Felix Bernstein und Edmund Landau waren Altbeamte
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Richard Courant war Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg
gewesen
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Gustav Herglotz (der einzige Ordinarius am Institut, der 1933
nicht Göttingen verließ) und Hermann Weyl waren
nicht jüdischer Abstammung
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Bernstein, Courant und Emmy Noether wurden schon sehr bald
und per Telegramm "bis zur endgütigen Entscheidung
auf Grund des Beamtengesetztes" beurlaubt.
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das mathematische Institut galt als "Hochburg des Marxismus"
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um nationalsozialistischen Studenten und der politischen
Basis in Göttingen zuvorzukommen und um die Lage unter
Kontrolle zu halten, handelten die Behörden so schnell
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Courant wird in Zeitungsberichten von damals als
"bekannter Sozialist" bezeichnet
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Bernstein war zeitweise stellvertretender Vorsitzender der
linksliberalen Göttinger Deutschen Demokratischen
Partei (DDP)
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Hilbert engagierte sich ebenfalls für die DDP
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Emmy Noether war in der frühen Weimarer Republik politisch
aktiv und galt 1933 als Marxistin oder Kommunistin,
sie wurde dann nach §3 entlassen
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Bernstein befand sich zu der Zeit in den USA; als klar war,
daß er nicht zurückkehren würde, wurde er nach
§6 entlassen
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Courant gab dem politischen Druck nach und bat 1934 um seine
Emeritierung
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Hermann Weyl hätte bleiben können, den
Scherbenhaufen des Instituts vor Augen ging er aber 1933 nach
Princeton
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Edmund Landau wurde das Opfer eines studentischen Boykotts
und wurde 1933 in den Ruhestand versetzt
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einzig verbliebener war zunächst Herglotz, wurde aber
im Januar 1934 von Weber, ein früherer Schüler
Emmy Noethers und Assistent Landaus, der streng
nationalsozialistisch dachte, abgelöst
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MacLane in einem Brief nach Hause:
"So many professors and instructors have been fired or have
left that the mathematics department is pretty thoroughly
emasculated. It is rather hard on mathematics, and we have
but the cold comfort that it is the best thing for the Volk."
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Folgen:
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nachdem das Mathematische Institut all seine brillianten
Köpfe verloren hatte, konnte es in den folgenden Jahren
nicht mehr an seine alten Traditionen anknüpfen
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andere Universitäten, allen voran Princeton in den USA,
werden zum Anziehungspunkt hochkarätiger Wissenschaftler
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Deutschland geht dadurch großes Potential verloren,
mehr noch als nur der gute Ruf der wissenschaftlichen
Ausbildung
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doch natürlich hatte Mathematik für Hitlers Regime
auch praktische Bedeutung, etwa in der Flugzeugtechnologie
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gearbeitet wurde dazu meist in direkt einem Ministerium
(etwa Reichsluftfahrtministerium) unterstehenden
Forschungsgruppen außerhalb der Universitäten
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so gab es immerhin viele und bedeutende Forschungsarbeiten
auf dem Gebiet der angewandten Mathematik
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in ganz Deutschland geht in den Jahren 1932 bis 1939 die
Zahl der Mathematikstudenten von 4245 auf 306 zurück
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kaum ein anderes Fach war so stark betroffen
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Gründe dafür waren einerseits die geburtenschwachen
Jahrgänge in Folge des Ersten Weltkriegs und die
Altersverögerung durch Arbeits- und Wehrdienst aber auch
die Unattraktivität des Mathematikstudiums im
Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Ideologie
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Ironie: geradezu idyllisches Zahlenverhältnis
Lehrkräfte - Studenten
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Als der Nazi-Kultusminister Rust anlässlich eines
Festessens, das die Uni Göttingen für ihn gab,
David Hilbert fragte, ob das weltberühmte
mathematische Institut durch die "Arier-Gesetzgebung"
personell wirklich gelitten habe, antwortete er:
"Jelitten? Nee, Herr Minister, dat jibt es jar nicht
mehr..."
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