TUM INFO V - Mathematiker in der NS-Zeit

Technische Universität München, Fakultät für Informatik

 

Forschungs- und Lehreinheit Informatik V

Ingenieuranwendungen in der Informatik, numerische Programmierung

 

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Mathematikerinnen während der NS-Zeit

 

Hilda Geiringer

 


  Lebenslauf    

  Persönliche Daten  
  Name Hilda Geiringer
  geboren  28. September 1893 in Wien
  gestorben 1973, an Lungenentzündung in Santa Barbara, California
  Nationalität Österreicherin
  Eltern Vater  Ludwig geboren in Ungarn, arbeitete in einer Textilfabrik in Wien.
Muter hieß Martha Wertheimer.
  Geschwister 3 Brüder      
  Ausbildungsdaten      
  Schulausbildung

Gymnasium des Vereins für erweiterte Frauenbildung

   
  Studium  Wiener Universität    
  Dissertation 1917 "Über trigonometrische Doppelreihen"    
  Habilitation 1925 "Über starre Gliederungen von Fachwerken"
1926 "Die Charliesche Entwicklung willkürlicher Verteilungen"
   
         
  Lebensweg:      
  1913 maturierte Hilda am Gymnasium des Vereins für erweiterte Frauenbildung (Schwarzwald Schule).
Bereits in der Schule stellte sich heraus, dass sie ein hervorragendes Gedächtnis besaß, insbesondere für Nummern. Sie zeigte bereits sehr früh großes Interesse an der Mathematik.
   
    Sie studierte Mathematik, unter anderem bei Wilhelm Wirtinger, an der Wiener Universität und wurde dabei von ihren Eltern finanziell unterstützt.    
         
  1917 erhielt sie den Doktortitel in Wien. Ihre Dissertation verfasste sie über Doppelreihen und trug den Titel "Über trigonometrische Doppelreihen".    
         
  1917- 1919 arbeitete sie zusammen mit Leon Lichtenstein an dem Jahrbuch über die Fortschritte der Mathematik. Lichtenstein war für Hilda einer der wichtigsten Lehrer, da er ihr das grundlegendste und das notwendigste Wissen lehrte.  

         
  1921 wechselte sie zum Institut für Angewandte Mathematik an der Universität Berlin. Sie war die erste Assistentin unter Richard Martin Edler von Mises.   "Mises teilte mir gleich mit, ich könne nicht damit rechnen, mich zu habilitieren. Er wünschte dringend, dass ich mich der 'angewandten' Mathematik zuwende, meinte, dann könne er mir wissen-schaftliche Anregungen geben. Er begründete dort ein gutes Programm der angewandten Mathematik, und ich hörte alle Vorlesungen von Mises (...) Meine Aufgabe war vor allem, ein 6- semestriges 'Praktikum' einzurichten und zu halten."

(Hilda Geiringer in  "Mathematische Entwicklung")

         
  1922 war sie für zwei Jahre mit Felix Pollaczek verheiratet, von dem sie ein Kind, Magda Pollaczek, bekam. Doch zeigte sich bald die Schwierigkeit, Karriere und Familie unter einen Hut zu bekommen. Da sie in Berlin keine ausreichende Unterstützung fand, reiste sie einige Monate nach Wien zu ihrer Mutter.   "Ich war nachher einige Monate in Wien, da das Leben in Berlin unendlich schwer war. Mama war so tüchtig, Magda für eine Zeit (wohl nur einige Monate) zu behalten."

[Sieg93]

    Noch im gleichen Jahr veröffentlichte Hilda das Buch "The World of Mathematical Ideas" mit dem sie sich vieler Orts beliebt machte.   "While the mathematical problems arising as a consequence of Mendl's biological principles are of great interest form the point of view of probability theory, it is one more challenge that they are in a certain way inaccessible to most biologists"

(von Mises Papers, HUG 457, Box 1, folder 19451947)

         
  1923 ließ sie sich von Felix Pollaczek scheiden, da sie sich mehr zu Richard von Mises hingezo-gen fühlte. Die Liebe, die sie Richard von Mises schenkte, wurde jedoch nicht im gleichen Maße erwidert. Hilda zweifelte teilweise an seinen Gefühlen und konnte nicht genau einschätzen, was Richard von ihrer Arbeit hielt. Ihre wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Richard war in Folge dessen nicht immer unproblematisch, wie auch viele ihrer Zitate verdeutlichen.   "Ich hielt diese Arbeit eigentlich immer für ganz interessant. Aber sie war es vielleicht nicht. Irgendwann um diese Zeit sagte Mises, dass ihm scheine, als ob ich nicht imstande sei, mich in irgendetwas wirklich einzuarbeiten (...) Es ist auch zu bemerken, dass Mises in Frank/ Mises diese Arbeit nicht zitiert, obgleich sie dem Sinn nach hineingehören würde. Entweder hat er -der mich ja wissenschaftlich am besten kannte- wirklich wenig von mir gehaltne und im speziellen von dieser Arbeit, oder sein Urteil war getrübt durch unsere persönliche Beziehung."

[Sieg93]

         
  1925 reichte Hilda ihre Habilitation mit dem Titel Über starre Gliederungen von Fach-werken ein, jedoch unterlief ihr in dieser Arbeit ein schwerwiegender Fehler, so dass sie den erwünschten Titel nicht erhielt. Da der Fehler nicht ohne weiteres behoben und korrigiert werden konnte, entschloss sie sich, ein neues Thema auszuwählen und von vorne zu beginnen. Der Nachteil, den diese Entscheidung mit sich zog, lag in dem enormen Zeitdruck, dem sie nun unterlag.   "Da mir die Lösung der Brauchbarkeitsaufgabe für räumliche Fachwerke nicht gelungen war, musste ich, um mich zu habilitieren, noch eine Arbeit einreichen. Dies war die unter Druck gemachte Arbeit (...)"Die Charliesche Entwicklung willkürlicher Verteilungen" mit der ich mich wieder der Wahrscheinlichkeitsrechung zuwandte."

[Sieg93]

         
  Am 16. Novem-ber 1926 reichte Hilda die zweite Habilitationsschrift ein: Die Charliesche Entwicklung willkürlicher Verteilungen. Doch auch in dieser Arbeit unterlief ihr ein Fehler, der allerdings im Nachhinein zusammen mit Richard korrigiert wurde. Nichts desto trotz war es ihr sehr unangenehm, erneut negativ aufzufallen, denn dieser Vorfall führte zu einigen kritischen und auch diskriminierenden Äußerungen der männlichen Kollegen. Doch entgegen aller negativer Propaganda sollte dieser Vorfall keinen gravierenden Einfluss auf ihre weitere Karriere haben.   "Die Arbeit hat eine peinliche Geschichte. Ich wollte den "Stetigkeitssatz des Momentenproblems" benutzen, weil das einer der wenigen Sätze war, die ich kannte. Beim Beweis machte ich aber einen Fehler bezüglich Konvergenz einer Hiflsreihe -ich weiß nicht einmal mehr was es war- und es wurde von mir oder Mises oder E. Schmidt bemerkt, was schon wirklich ein Skandal war nach dem (immerhin noch ehrenvollen) débacle mit den Raumfachwerken."

[Sieg93]

         
  11. November 1927 wurde ihr als zweite Frau die "venia legendi" im Bereich der Mathematik verliehen.   "Nun jedenfalls wurde ich zum mündlichen Kolloquium zugelassen (ein Parterre von Königen, außer den Mathematikern die weltberühmte Physiker Planck, Laue,...) was eine Formalität war, und so wurde ich 1927 Privatdozentin für A[ngewandte] M[athematik]. Dies hat mir noch nach Jahrzehnten entscheidend genützt bei der Zuerkennung meiner Professoren Pension."

[Sieg93]

         
  1927 wurde sie private Assistentin an der Universität Berlin und war die erste Frau mit Fakultas in angewandter Mathematik. Sie war sehr beliebt und erfolgreich und nahm vermehrt an internationalen Konferenzen teil. Sie leistete wichtige Beiträge in der Wahrscheinlichkeits-Theorie und in der Drehfähigkeit.    
         
  1933 schlug die Fakultät sie als Extraordinariat vor.    
    Als jedoch Hitler an die Macht kam, verlor sie ihre Tätigkeit, da sie eine jüdische Akademikerin war.    
    Infolge dessen emigrierte sie zusammen mit ihrem Kind nach Belgien und befasste sich am Institut für Mechanik mit der Schwingungslehre.

Ihr Aufenthalt war allerdings nicht von langer Dauer, denn schon bald zog sie weiter in die Türkei. Dort war sie in einer Deutschen Gemeinschaft tätig, die vor Hitlers Regime Zuflucht suchte. Trotz aller Schwierigkeiten, die das Exil mit sich trug, kam sie weiterhin ihrem Interesse der Mathematik nach und erlernte die türkische Sprache, um in diesem Land auch unterrichten zu können.

   
         
  1934 ging sie mit Richard von Mises und ihrem Kind nach Istanbul. Sie erhielt dort eine Professur am Institut für reine und angewandte Mathematik.   "Du bist voreingenommen, mein Kind, meine treuste Bewunderin"

Bemerkung von Mises aus [Sieg93]

  1938 starb Kernal Atatürk. Hilda fühlte sich in der Türkei nicht mehr sicher und emigrierte in die USA.    
  1939 war sie Dozentin am Bryn Mawr College, einem Frauen-College im Osten der USA, wo auch Emmy Noether und Olga Taussky schon gearbeitet hatten. Hilda forschte für das Applied Mathematics Panel for the National Defense Research Council.

In ihrer Eingewöhnungsphase wurde sie sehr von Anna Wheeler unterstütz, die ihr die neue Sprache und  "the American form of teaching" beibrachte.

 
         
  Im Sommer 1942 unterrichtete sie zusätzlich im Programm für erweiterte Forschung in der Mechanik an der Brown Universität. In diesem Rahmen hielt sie eine Reihe von sehr qualitativen Vorlesungen über Geometrische Grundlagen in der Mechanik.    
         
  1943 heiratete sie Richard von Mises, der zu der Zeit Dozent an der Harvard Universität war.   "Im Jahre 1921 heiratete ich Felix Pollaczek, ein ausgezeichneter Mathematiker. Ich will von unserer persönlichen Beziehung hier nicht sprechen, weil es zu kompliziert ist. Noch 1922, aber spätestens 1923, ließ ich mich von Felix scheiden, da ich Mises lieber hatte als ihn. Von 1923 an war ich Mises sehr nahe und sowohl Gerda als auch die Wiener Freundin traten in den Hintergrund. Doch liebte ich ihn sicher mehr als er mich."

[Sieg93]

         
  1944 wechselte Hilda zum Wheaton College in Norton, Massachusetts und wurde dort Professorin und Vorsitzende des Mathe-matischen Departments. Sie war ihrem Mann sehr ergeben, und wollte stets in seiner Nähe sein. Mit dem Entschluss, sich in Massachusetts niederzulassen, wurde es ihr ermöglicht, innerhalb der Woche an der Universität zu forschen, und am Wochen-ende ihren Mann zu treffen. Die Stelle war für sie wissenschaftlich unbefriedigend, doch blieben all ihre Versuche, eine neue Anstel-lung zu finden, vergeblich.    
         
  14. Juli 1953 starb Richard von Mises und Hilda fühlte sich verantwortlich, die Arbeit ihres Mannes zu Ende zu führen.  

 

         
  1954 wurde sie vom Office of Naval Research ausgezeichnet und wurde mathematischer Fellow in Harvard.    
         
  1955- 1958 arbeitete sie mit G. S. Ludford an einer unvollständigen Behauptung ihres Mannes, dessen Ergebnis in der Mathematical Theory of Compressible Fluid Flow (1958) veröffentlicht wurde.  

    Zur gleichen Zeit forschte sie an der Drehfähigkeit und veröffentlichte ihre Erkenntnisse.   "I have to work scientifically, besides my college work. This is a necessity for me; I never stopped ist since my student days, it is the deepest need of my life."

[Sieg93]

         
  1960 erhielt sie den Doctor der Naturwissen-schaften. Sie wurde Mitglied in dem Verein Sigma Xi und Fellow der American Academy of Arts and Sciences.    
         
  1967 feierte sie an der Universität in Wien ihr Goldenes Doktoratsjubiläum.    
  1973 starb sie in Kalifornien an einer Lungenentzündung.    
         
  Bemerkungen:      
  Hilda war eine hart arbeitende Lehrerin, die eine große Anzahl von Studenten dazu bewegte, eine Karriere in der Mathematik einzuschlagen. Sie arbeitete jeden Tag ab 17:00 Uhr für ihr eigenes Interesse, und lief Gefahr, durch ihre ganztätige Arbeit sich selber zu schaden.

Sie war darüber unglücklich, eine Frau zu sein, da sie sich nicht voll anerkannt fühlte.

Neben Hildas Leidenschaft der Mathematik blieb ihr noch Zeit und Freude, um sich anderen Dingen zuzuwenden. Sie war eine begeisterte Bergsteigerin und hatte ein beeindruckendes Wissen in Literatur, Poesie und klassischer Musik.

Hilda Geiringer hat eigene bedeutende Leistungen in der angewandten Mathematik (Statistik, Plastiziätstheorie) aufzuweisen, erhielt jedoch in der amerikanischen Emigration nie eine ihrer Qualifikation entsprechende Stelle.

Obwohl Hilda und Richard die meiste Zeit an unterschiedlichen Projekten arbeiteten, ist ein deutlicher Einfluss ihres Mannes zu erkennen. Ihre Partnerschaft wird oftmals als einseitig bezeichnet, mehr noch, die große Liebe zu ihrem Mann und zu der Mathematik sollen ihr Leben und ihre Handlungsweisen negativ beeinflusst haben. Es scheint, dass sie von ihrem Mann in den Schatten gestellt wurde. Obgleich er sie in ihrer Arbeit begleitete und unterstützte, tat er dies stets in einer sehr dominierenden Art und Weise. Man bekommt das Gefühl, Hilda hätte nicht richtig die Möglichkeit gehabt, sich selber zu entfalten. Selbst nach dem Tod ihres Mannes wird ihr Verhalten von ihm beeinflusst. Es stellt sich die Frage, ob sich Hilda zu intensiv dem wissenschaft-lichem Nachlass ihres Mannes widmete, anstelle sich auf ihre eigene viel versprechende wissenschaftliche Karriere zu konzentrieren.

  "I am quite sure that the President will not approve of a woman. We have some women on our staff, so it is not merely prejudice against women, yet it is partly that for we do not want to bring it more if we can get men"

(von Mises Papers, HUG 4574.105, Box 2, folder 1946- 1948)

 

I hope there will be better conditions for the next generation of women (..) In the meantime one has to go on as well as possible"

(von Mises Papers, HUG 4574.105, Box 2, folder 1946- 1948)

         
  Whether she is to be considered outstanding in ability or not, depends on the standard of comparison. Among the present day mathematicians there are few, whose names undoubtedly will remain in the history of mathematics (...) As for the newcomers in this country, I have not the slightest doubt that von Mises is one of the men of such caliber (...) There will perhaps be a dozen or perhaps a score of such persons all over the world (...) and Mrs. Geiringer does not belong in this category.

[Sieg93]

 

But it may be reasonable to take another standard, that of an university professor of probability and statistics, perhapfs an author of now numerous books on statistical methods. In comparison with many of those people Mrs. Geiringer is an outstanding person and I think it woud be in the interest of American science and instruction to keep her in some university.

(22. April 1940 J. Neyman, director of the Rockefeller Foundation)

 


Quelle:

[Sieg93]    Siegmund- Schultze, Reinhard: "Hilda Geiringer- von Mises, Charlier Series, Ideology, and the Human Side of the Emancipaton of Applied Mathematics at the University of Berlin during the 1920s", in: Historia Mathematica 20 (1993) S. 364- 381.
http://www-history.mcs.st-andrews.ac.uk/Mathematicians/Geiringer.html
http://www.york.ac.uk/depts/maths/histstat/people/sources.htm