Mathematik in der Kriegsforschung in Deutschland

Hauptseminar zu überfachlichen Grundlagen

Stefan Kugele
Florian Wittemann
Hannes Karger

Technische Universität München

Sommersemester 2003

email: [kugele|wittemann|karger]  @  cs.tum.edu

Inhalt

1  Weltanschauung und Wissenschaft im Nationalsozialismus
    1.1  Weltanschauung im Nationalsozialismus
    1.2  Wissenschaft im Nationalsozialismus
        1.2.1  Haltung der Nazis gegenüber der Wissenschaft
        1.2.2  Haltung der Wissenschaft gegenüber den Nazis
        1.2.3  Nachwuchswissenschaftler
2  Organisatorische Strukturen mathematischer Forschung
    2.1  Praktische vs. Theoretische Mathematik
    2.2  Große staatlich geförderte Forschungsprogramme
    2.3  Industriell geförderte Programme
    2.4  Forschung an Universitäten
    2.5  Synthese
3  Luftfahrt und Uranprojekt als Beispiele
    3.1  Big Science vs. Small Science
    3.2  Nuklearforschung in Deutschland
        3.2.1  Werner Heisenberg
        3.2.2  Die Forschung an der Deutschen Atombombe
    3.3  Luftfahrtforschung
        3.3.1  Düsenflugzeuge
        3.3.2  Wernher von Braun
        3.3.3  Raketenentwicklung in Deutschland: A1 - A5
        3.3.4  Peenemünde

Kapitel 1
Weltanschauung und Wissenschaft im Nationalsozialismus

1.1  Weltanschauung im Nationalsozialismus

Zitate aus einem Originaldokument zum Thema ''Deutsche Physik":
Auffallend ist die Selbstverständlichkeit, mit welcher der Nationalsozialismus die Erkenntsnisse der Forschung für sich beansprucht und die Erkenntnisse nicht-arischer Forscher verdammt, ohne Rücksicht auf Richtigkeit oder Gerechtigkeit. Für den Normalbürger muss dies aber wohl erst noch ''ins rechte Licht" gesetzt werden, da man es sonst nicht erkennt.
Die NS-Führung will die Fachaufsicht über die Wissenschaft, übernimmt jedoch zunächst nur Verwaltungsaufgaben und vertraut darauf, dass nationalsozialistische Professoren die ideologische Weltanschauung in die Lehre einbringen. Wichtig war vor allem, dass die Wissenschaft an die NS-Weltanschauung anschlussfähig ist. Um dies sicherzustellen, wurde ein Versuch der Gleichschaltung und Kontrolle über formelle Entscheidungswege und Entscheidungsgremien gestartet. Die nationalsozialistische Führung ist der Ansicht, dass es ''ausdrücklicher Auftrag" der Wissenschaft ist, sich an den Erfordernissen des Volksganzen auszurichten.
Es folgen einige Aussprüche, welche gerne verwendet wurden, um die Grenzen der freien Wissenschaft festzulegen:
Solange die NS-Ideologie auf ein Zitat anwendbar war, wurde dies ohne Rücksicht auf dessen Ursprung auch verwendet um das eigene Gedankengut zu bestärken und zu rechtfertigen.

1.2  Wissenschaft im Nationalsozialismus

Obwohl man an der Oberfläche gerne den Gedanken der freien Wissenschaft pflegte wurden Wissenschaftler immer scharf auf ihre Grenzen hingewiesen. Natürlich wurde dabei berücksichtigt, von welcher Bedeutung die entsprechende Person für die Kriegsforschung war. In einem Brief an W. Heisenberg schreibt Himmler, dass er sich persönlich der Unannehmlichkeiten, die ihm das ''schwarze Korps" bereitet hat annimmt. Während der gesamte Brief (vgl. Abbildung) in einem freundlichen Ton gehalten ist liest man zu Schluss:
''Ich halte es allerdings für richtig, wenn Sie in Zukunft die Anerkennung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse von der menschlichen und politischen Haltung des Forschers klar vor Ihren Hörern trennen."
Selbstverständlich fiel diese Zurechtweisung nur deshalb so mild aus, weil Heisenberg einer der bedeutendste Wissenschaftler der damaligen Zeit war.
Abbildung
Abbildung 1.1: Brief von Himmler an W. Heisenberg
Zur Verteidigung der freien Wissenschaft werden diejenigen, die das deutsche Volkstum bedrohen aus der Wissenschaft (und aus dem Volk) ''entfernt". Einerseits musste die NS-Ideologie in die Wissenschaft eingebracht werden, andererseits brauchte man unangreifbare, technisch umsetzbare wissenschaftliche Ergebnisse, die durch das Regime nicht verhindert oder behindert werden durften. Ideologiefreie Arbeiten wurden oft im Ausland als Zeichen des Fortschritts in Deutschland veröffentlicht. Dies bedeutete, dass wichtige Forschungsergebnisse auch dann übernommen werden, wenn sie von Juden entdeckt wurden:
''Eine richtig ermittelte Tatsache bleibt auch dann eine Tatsache, wenn sie von einem Juden einwandfrei ermittelt wurde."
Die Trennung von Wissenschaft und Politik hieß aber nicht, dass man sich in Öffentlichkeit nicht positiv gegenüber dem Nationalsozialismus äußern musste. Die Notwendigkeit der Rüstungswirtschaft ließ jedoch in vielen Fällen die NS-Ideologie zurücktreten:
''Weltanschauung ersetzt kein Fachwissen."
Sobald Juden wissenschaftliche Ergebnisse lehrten oder auf andere Weise veröffentlichten, wurde dies von den Nazis als Streben nach Weltgeltung und Weltbeherrschung ausgelegt und bekämpft. Seltsamerweise blieb trotz der Selektion die Qualität der mathematischen Forschung relativ konstant. Da die Professoren der NS-Ideologie größtenteils abgeneigt waren, setzt sie sich jedoch in der Mathematik und an den Hochschulen allgemein nicht durch. Zwischen 1932 und 1937 reduzierte sich dennoch die Zahl der Mathematik- und Physikstudenten um über 90%.
''Die Intelligenz steht nicht hinter dem Nationalsozialismus." Hitler

1.2.1  Haltung der Nazis gegenüber der Wissenschaft

Hitler persönlich verachtet den Professorenstand und macht des Öfteren herablassende Bemerkungen gegenüber Professoren. Er wusste, dass die geistige Elite nicht hinter ihm stand:
''Was wir benötigen ist eine in sich gefestigte starke öffentliche Meinung, wenn möglich sogar noch hinreichend in unsere intellektuellen Kreise." Hitler
''Die Rede eines Staatsmannes habe ich nicht daran zu messen, welche Wirkung sie bei einem Universitätsprofessor hinterlässt, sondern an der Wirkung, die sie auf das Volk ausübt. Dies allein ist der Maßstab für die Genialität eines Redners." Hitler
Anscheinend genügte es dem Regime, wenn die Masse des Volkes hinter ihm stand. Dass ein großer Teil der Akademiker die Sicht der Nationalsozialisten nicht teilte war akzeptabel, solange die Forschungsergebnisse die gewünschte Form hatten.

1.2.2  Haltung der Wissenschaft gegenüber den Nazis

Um die Haltung der Wissenschaftler zu zeigen, welche die NS-Ideologie ablehnten und soweit es ihnen möglich war kritisierten, werden im Folgenden zwei Zitate aufgeführt:
''Täglich muß man zusehen, wie die Universitäten planmäßig und systematisch vernichtet werden. Professor wird nicht mehr, wer etwas weiß und geleistet hat, sondern wer sich politisch eifrig betätigt hat. [...] Das Denunziantenwesen blüht; Recht und Gesetz gibt es nicht mehr. [...] Es hat sich eine Geisteskrankheit, wie eine Pest, über das Volk ergossen." Heinrich Keyser
''In der Wissenschaft kann eine gute und fruchtbare Revolution nur dann durchgeführt werden, wenn man sich bemüht, so wenig wie möglich zu ändern, [...] Der Versuch, alles Bisherige aufzugeben und willkürlich zu ändern führt zu reinem Unsinn."

1.2.3  Nachwuchswissenschaftler

Insbesondere Mathematik-Studenten erweisen sich als ,,immun'' gegen die NS-Ideologie, sie verweigern sich dem ,,freiwilligen'' Arbeitsdienst während der Semesterferien (Bahngleisbau, ...). Die Nationalsozialisten deuten dies damit, dass den Akademikern der Anschluss an die Gedanken- und Gefühlswelt des arbeitenden Volkes fehlt.
,,Die Hauptschwierigkeit für die Hochschule ist heute, daß wir keine nationalsozialistischen Dozenten haben.''
Deswegen wurde sehr viel Mühe darauf verwandt, den akademischen Nachwuchs auf die NS-Ideologie einzuschwören, in der Hoffnung, dass nach entsprechender Zeit, die Ideologie auch in akademischen Kreisen Einzug erhält.

Kapitel 2
Organisatorische Strukturen mathematischer Forschung

2.1  Praktische vs. Theoretische Mathematik

,,Der Bericht wird zeigen, daß der Garten echter wissenschaftlicher Forschung auch in der Zeit dieses unseligen Krieges von seinen Freunden in der Stille gepflegt worden ist. Möge er doch bald wieder zu voller Blüte kommen!'' 1
,,Durch den Krieg wurde in Deutschland die Entwicklung der angewandten Mathematik in vieler Hinsicht gehemmt, in anderer aber auch gefördert. [...] Fördernd wirkte vor allem, daß zahlreiche «reine» Mathematiker im Krieg auf dem ihren früher oft völlig fremden Gebiete der angewandten Mathematik tätig waren und dieser viele neuen Ideen und Impulse zuführte. [...] Im ganzen kam eine ungeahnte Synthese zwischen reiner und angewandter Mathematik zustande.'' 2
Die beiden unterschiedlichen Bewertungen mathematischer Forschung während des Krieges lässt folgende Fragen aufkommen:
  1. In welchem Verhältnis stand mathematische Forschung zur Zuarbeit für den Krieg?
  2. Hielten sich die ,,echt wissenschaftlich'' forschenden Mathematiker tatsächlich fern vom ,,unseligen Krieg''?
  3. Beruht die ,,ungeahnte Synthese'' zwischen reiner und angewandter Mathematik nicht gerade auf den Bedingungen des Krieges?
Um diese Fragen beantworten zu können, muss zunächst einmal ein tieferer Einblick in die organisatorischen Strukturen mathematischer Forschung gewonnen werden. Es ergibt sich folgendes Bild: mathematische Forschung wurde hauptsächlich in drei Bereichen durchgeführt:

2.2  Große staatlich geförderte Forschungsprogramme

Hierbei handelt es sich um keineswegs nur um ,,Blitzkrieg''-Programme, sondern um umfassende und langfristige Pläne zur Kriegsführung und Vorbereitung. So wurde in der Aerodynamischen Versuchsanstalt (AVA) und im Kaiser-Wilhelm-Institut (KWI) bereits im Jahre 1939 mit kriegsrelevanter mathematischer Forschung begonnen. Die Forschungsgebiete umfassten dabei Probleme der Hydro- und Aerodynamik. Dabei setzte man die Schwerpunkte im Bereich der Konformen Abbildungen, der Differential- und Integralrechnung, sowie numerischen Verfahren und Eigenwerttheorie.
Ein weiteres Zentrum staatlich geförderter Forschung war ohne Frage die Luftfahrtforschungsanstalt Hermann Göring (LFA) in Braunschweig. Unter der Leitung von Adolf Busemann wurde am Institut für Gasdynamik besonders die Aerodynamik unter dem Einfluss hoher Geschwindigkeiten erforscht. Des Weiteren wurde auch eine Arbeitsgemeinschaft für besondere mathematische Projekte eingerichtet. Diese von Wolfgang Gröbner geleitet Gruppe widmete sich hauptsächlich Forschung im Bereich der Industriemathematik.
Aber auch das Institut für praktische Mathematik (IPM) an der Technischen Hochschule in Darmstadt kann in Zusammenhang mit staatlichen Programmen gebracht werden. Dort gab es unter Anderem Projekte zur Entwicklung und Verbesserung von mathematischen Tafeln für den Ingenieursbedarf und der Navigation, Rechenmaschinen sowie anderen Rechenhilfen. Zusätzlich half man bei ballistischen Problemen, wie zum Beispiel bei der Flugsteuerung der V2-Rakete, aber auch bei anderen Geschossen.
In der Heeresversuchsanstalt Peenmünde (HVP) wurde neben der Forschung an der Flugsteuerung und Raketenballistik auch die Entwicklung von Rechenmaschinen vorangetrieben.
Mit Kriegsbeginn wurde die bestehende Forschung in den genannten Institutionen nicht nur intensiviert, sondern es kamen auch neue hinzu. Dazu gehören neben der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) in Berlin, der Deutschen Forschungsanstalt für Segelflug (DFS) auch die Militärakademie in Berlin und die Luftfahrtfoschungsanstalt in Wien. Nicht zu vergessen ist zudem die Forschung im Gebiet der Kryptologie an der hochqualifizierte Mathematiker Methoden und Problemen des De- und Chiffrierens annahmen.

2.3  Industriell geförderte Programme

Die Erkenntnisse in diesem Gebiet sind bis heute leider noch recht unvollständig. Man kann nichtsdestotrotz festhalten, dass spätestens mit Kriegsbeginn Industrieprojekte mit mehr oder weniger starken mathematischen Hintergrund in Angriff genommen wurden. Besonders Luftfahrunternehmen benötigten mathematische Erkenntnisse für ihre Produktion und Entwicklung. So beschäftigte etwa Messerschmidt eigens eine größere Gruppe von Mathematikern. Angestellt waren zum Beispiel die Mathematiker Grell, Nöbling, Pinl Ringleb und Völker.
Die Heinkel-Flugwerke hingegen kooperierten eng mit dem Mathematischen Seminar in Rostock. Aber auch die elektrotechnische Industrie, welche Steuerungs-, Kommunikations- und Navigationsinstrumente für das Militär entwickelte kooperierte ähnlich wie die Heinkel-Werke mit mathematischen Forschungseinrichtungen. Besonders waren das Siemens-Halske, AEG und Telefunken. Der Rüstungskonzern Krupp beschäftige Ruth Moufangs die 1938 auf Grund politischer Schwierigkeiten bei ihrer Habitilation zu dem in Essen ansässigen Konzern wechselte.

2.4  Forschung an Universitäten

Wie bereits weiter oben gezeigt vergaben die größten Institutionen der Luftfahrt-, Raketen- und Waffenforschung, die Flugzeug- und Elektroindustrie, sowie weitere Unternehmen mathematische Forschungsaufträge an Forschungsgruppen innerhalb von Universitäten und Technischen Hochschulen. Besonders hervorzuheben ist dabei das bereits erwähnte Institut für praktische Mathematik (IPM) in Darmstadt. Dort wurde nicht nur für die Heereversuchsanstalt Peenemünde sondern auch für weitere Wehrmachtstellen sowie für die Industrie geforscht. Des Weiteren gab es auch mit anderen Universitäten eine Kooperation in Forschung und Wissenschaft. Oben bereits angesprochen wurde die Universität Rostock und das dort ansässige Mathematische Seminar. Aber auch in Aachen, Dresden, Stuttgart und in der Deutschen Universität in Prag wurden mathematische-industrielle oder mathematisch-staatliche Projekte bearbeitet.
Dieser Auftragsforschung gegenüber steht eine ,,selbstmobilisierte'' Forschung an Universitäten und Technischen Hochschulen. Bis in die ersten Kriegsjahre blieb die ,,restliche'' mathematische Wissenschaft zunächst eher kriegsfern. Ein Umbruch fand aber mit der wissenpolitischen Wende im Winter 1941/42 bedingt durch den Kriegsverlauf statt.
Es kam zu einer Umstrukturierung der staatlichen Forschungsförderung. Es wurde etwa der mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft verbundene Reichsforschungsrat (RFR) neu organisiert, was auch zu einem größeren Maß an institutioneller Unabhängigkeit für die Forscher führte. Gleichzeitig aber wurde vor allem die finanzielle Förderung nur noch auf als kriegswichtig bezeichnete Projekte beschränkt. Außerdem wurde angeregt mathematische Lehrbücher für Schulen und Universitäten schwerpunktmäßig mit ,,für die Praxis'' wichtigen Themen zu schreiben oder neu aufzulegen. ,,Für die Praxis'' heißt in diesem Zusammenhang nichts anderes als kriegsrelevant.
1942 begann mit Friedrich Lösch ein Buchprojekt mit dem Titel ,,Theorie und Praxis der konformen Abbildungen''. Dieses erhielt 1944 die höchste Dringlichkeitsstufe SS. Ein weiteres Buch zum Thema konforme Abbildungen über nahm Süss, der Leiter der DMV. Hierbei muss angemerkt werden, dass konforme Abbildungen besonders in der Strömungsmechanik eine Rolle spielen, zum Beispiel bei der Untersuchung und Vorhersage von Flügelanordnungen und Flügelprofilen. Aber auch in den Gebieten der höheren Analysis, der Besselschen Funktionen und der Kugelfunktionen wurde technisch anwendungsorientierte Literatur gefordert. 3

2.5  Synthese

Abschließend kann gesagt werden, dass sich auch in Deutschland mit einsetzen des Krieges ein Synthese zwischen mathematischer Forschung und technisch-staatlicher Anwendung etablierte. Mag es zwar einige Mathematiker gegeben haben, die unbeschattet von den Kriegshandlungen und kriegswichtiger Forschung geblieben sind, so bleibt doch festzuhalten, dass schlussendlich eine Entwicklung vorherrschte, die alle anderen Industriestaaten in dieser Zeit ergriff: Austausch von Wissen gegen Status und Legitimation.

Kapitel 3
Luftfahrt und Uranprojekt als Beispiele

3.1  Big Science vs. Small Science

Um die deutsche Luftfahrtforschung und die Nuklearforschung wärend des 2. Weltkrieges besser vergleichen zu können seien hier zuerst einmal die Begriffe ,,Small Science'' und ,,Big Science'' eingeführt. Small Science wird üblicherweise wie folgt charakterisiert: Small Science hat als ein Kennzeichen zunächst einmal geringe Ressourcen zur Verfügung. Zum Großteil resultiert dieser Ressourcenmangel - es handelt sich hierbei vor allem um fehlende finanzielle Unterstützung - durch einen niedrigen Grad von Durchstaatlichung innerhalb von Projekten, die als Small Science Projekte klassifiziert werden. Des Weiteren fehlt oft auch gerade die wirtschaftliche Akzeptanz und damit Unterstützung durch die Industrie. Darüber hinaus ist auch eine geringe bis nicht vorhandene (interdisziplinäre) Koordination einzelner Forschungsgruppen erkennbar, selbst wenn diese an ähnlichen oder sogar gleichen Problemen forschen. Daraus resultiert ineffiziente Produktivität, die bei einem koordinierten Forschungsversuch leicht zu verbessern wäre.
Small Science gegenüber steht die Großforschung, oder Big Science. Kennzeichnend für diese ist:
Big Science ist folglich also vordergründig durch schiere Größe charakterisiert, wobei man Größe aus mehreren Blickwinkeln betrachten kann. Einmal etwa die geographische Ausdehnung, bei der ganze Regionen von dem Projekt betroffen sind; die ökonomische Größe, bei dem ein gewaltiger finanzieller Kraftakt im Vordergrund steht; die technischer Komplexität bei der Entwicklung von Großgeräten; der organisatorische Aufwand wobei auch die Multidisziplinarität der beteiligten Gruppen in Betracht gezogen wird.
Nichtsdestotrotz ist Großforschung nicht einfach allein durch die Größe gekennzeichnet, der wichtigste Punkt liegt vielmehr im Grad der Verflechtung von Staat, Wissenschaft und Industrie. Da sich Big Science meist auf Ziele ausrichtet, die gesellschaftspolitisch für besonders wichtig gehalten werden, ist es in besonders großem Maße auch der Staat, der die finanzielle Last bei Großforschungsprojekten trägt.
Bei der Unterscheidung von Big Science und Small Science ist dennoch zu beachten, dass die unterschiedlichen Charakterisierungsmerkmale fließend sind, und das ein als Small Science bezeichnetes Projekt durchaus auch das ein oder andere Merkmal von Big Science beinhalten kann.
Greifen wir uns zwei Bereiche der Forschung in Deutschland während des Krieges heraus. Als erstes werden wir die Nuklearforschung näher betrachten, wobei Schwerpunktmäßig auf Heisenberg und die versuchte Entwicklung einer deutschen Atombombe eingegangen wird. Danach folgt eine tiefere Betrachtung der Luftfahrtforschung und -entwicklung, wobei ein besonderes Augenmerk auf die ersten Düsenflugzeuge und schlussendlich auf die Raketenforschung um von Braun in Peenemünde gerichtet wird.

3.2  Nuklearforschung in Deutschland

3.2.1  Werner Heisenberg

Abbildung
Abbildung 3.1: Werner Heisenberg
Werner Heisenberg wurde als Sohn des Professors August Heisenbergs am 5. Dezember 1901 in Würzburg geboren. Sein Vater August Heisenberg war Professor für griechische Philologie an der Universität München, seine Mutter war Anna Heisenberg geborene Wecklein.
Zwischen 1920 und 1923 studierte er an der Münchner Universität Physik, Mathematik und Astronomie und promovierte bei Sommerfeld.
Von 1922 bis 1923 studierte er kurzzeitig an der Göttinger Universität. Sein Mentor Sommerfeld hatte Heisenberg dort einen Aufenthalt bei dem bekannten Physiker Max Born vermittelt, da sich Sommerfeld selbst zu einen Auslandsaufenthalt in den USA entschlossen hatte. Born erkannte Heisenbergs Talent und holte ihn 1924 zurück nach Göttingen wo Heisenberg Borns Assistent wurde. Dort habilitierte er schließlich zum Professor für Physik.
Im September 1924 ging Heisenberg nach Kopenhagen. Niels Henrik David Bohr, den Heisenberg bereits 1922 bei den ,,Bohr-Festspielen'' in Göttingen kennen gelernt hatte, hatte ihm ein Stipendium besorgt. Er blieb dort bis 1927 und stellt aber gleichzeitig zusammen mit Max Born und Pascual Jordan die Theorie der Quantenmechanik auf. Außerdem verfasste er noch seine ,,Unschärferelation'', die besagt, dass man entweder den Ort oder den Impuls eines Teilchens genau messen kann nicht aber beides zur selben Zeit.
1928 publiziert er sein Buch ,,Die Physikalischen Prinzipien der Quantentheorie''. Am 1. Oktober 1927 wurde Heisenberg als ordentlicher Professor für theoretische Physik an die Universität nach Leipzig berufen. Am 9. November 1932 erreichte Heisenberg ein Telegramm: man hatte ihm den Nobelpreis für Physik verliehen. Doch Heisenbergs Theorien waren nicht unumstritten und wurden unter anderem von Stark als ,,jüdische Machwerke'' diffamiert. Noch konnte man diese Angriffe scherzhaft abtun.
1933 konnte man darüber aber nicht mehr spaßen. Stark wurde 1933 Präsident der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt. Durch das im selben Jahr eingeführte ,,Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums'' wurden zudem viele jüdische Gelehrte zur Emigration gezwungen. Heisenberg setzt sich wie auch andere Kollegen für deren Unterbringung im Ausland ein, blieb aber selbst in Deutschland. Auch von seiner Stelle trat er nicht zurück, da dies höchstwahrscheinlich eine Emigration nach sich geführt hätte und Heisenberg wollte Deutschland nicht verlassen. Eigentlich hätte Heisenberg 1936 an der Münchner Universität mit Lehr- und Forschungsarbeiten beginnen sollen, doch seine Berufung wird vom Reichsdozentenführer abgelehnt. Zeitgleich starteten Stark und andere Anhänger einer ,,Deutschen Physik'' neue Angriffe auf Heisenberg.
Im ,,Schwarzen Korps'', einer SS-Zeitschrift wird er als ,,Weißer Jude'' und ,,Statthalter des Judentums im deutschen Geistesleben'' beschimpft. Heisenberg wendet sich daraufhin direkt an Heinrich Himmler, welcher erst ein Jahr später, im Juli 1938 antwortet.4
Ab dem Jahr 1941 wurde der Physiker Leiter des Berliner Kaiser-Wilhelm-Instituts, welches später das Max-Planck wurde. Zur gleichen Zeit wirkt er als Professor an der Universität Berlin.
Nach dem 2. Weltkrieg wechselt Heisenberg zum Max-Planck-Institut nach Göttingen und wird dort Direktor. Dort forscht er an der Atomspaltung die durch die kosmische Strahlung im Weltall entsteht. 1948 nimmt er eine Gastprofessur in Cambridge an. Von 1949 bis 1951 ist Heisenberg Präsident des Deutschen Forschungsrates und der Göttinger Akademie der Wissenschaften. Außerdem hält er Gastvorträge an Universitäten in den Vereinigten Staaten. Im Jahre 1952 wird Heisenberg dann Vizepräsident des ,,Europäischen Rates für kernphysikalische Forschung''. Ein Jahr später beginnt er mit seiner Weltformel auf dem Gebiet der Elementarteilchen und der Feldtheorie. In seiner populär gewordenen Heisenbergeschen Weltformel veruscht er eine einheitliche Theorie der Materie aufzustellen, mit der alle Grundgesetze der Natur erfasst werden. Noch während seiner Arbeit an dieser Formel wird er Präsident der am 10. Dezember 1953 gegründeten Alexander-von-Humboldt-Stiftung in Bad-Godesberg. Diese Funktion übt er bis 1975 aus. 1955 und 1956 hält sich Heisenberg in Schottland auf. Er ist dort Gastdozent an der University of St. Andrews.
Im Jahre 1957 kommt es zu einer öffentlichen Diskussion über die Bewaffnung der Bundeswehr mit Atombomben. Konrad Adenauer sieht in taktischen Atomwaffen nichts weiter als eine ,,Weiterentwicklung der Artillerie''. Heisenberg spricht sich im ,,Göttinger Manifest'' öffentlich gegen die Ausstattung der Bundeswehr mit Atomwaffen aus. Insgesamt erklären in diesem 18 deutsche Atomforscher ihren Widerwillen gegen diese Aufrüstung. Im selben Jahr wird Heisenberg mit dem ,,Pour de Mérite'' Orden geehrt. 1958 veröffentlicht Heisenberg seine ,,Einheitliche Therorie der Elementarteilchen'', die als Weltformel bekannt wird. Im selben Jahr wird das Max-Planck-Institut, welches Heisenberg noch immer leitet, von Göttingen nach München verlegt. Zusätzlich zu seiner Arbeit als Leiter des Max-Planck-Instituts wirkt er fortan als Professor für Physik an der Universität in München. Diese Stelle hat er bis 1970 inne. 1964 bekommt er das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband verliehen.
Am 1. Februar 1976, um 10 Uhr früh, stirbt Heisenberg in seinem Haus in München.

3.2.2  Die Forschung an der Deutschen Atombombe

Die Entdeckung der nuklearen Spaltung durch Otto Hahn und Fritz Straßmann gegen Ende des Jahres 1938 und die darauf folgende theoretische Erläuterung des Phänomens durch ihre Kollegin Lise Meitner und andere überraschte die Wissenschaft. Das große Interesse an Uran war schwer zu kontrollieren, viele Wissenschaftler unterschiedlicher Nationalitäten widmeten sich dem Problem der Kernspaltung. Der Schleier der Geheimhaltung fiel erst auf die Nuklearforschung, als die wichtigsten Ergebnisse bereits veröffentlicht worden waren. Isotopisches 92235U konnte mit langsamen Neutronen gespalten werden, während isotopisches 92238U diese gewöhnlich absorbierte. Bei der Spaltung von Urankernen wurden zwei oder mehr Neutronen freigesetzt. Da sich diese Neutronen mit hoher Geschwindigkeit bewegten, war eine energieproduzierende Atomspaltungs-Kettenreaktion möglich.
Schließlich am Vorabend des Zweiten Weltkrieges hielten Wissenschaftler aller Staaten eine Veröffentlichung ihrer wichtigsten Ergebnisse zurück, die meisten Bereiche der Nuklearforschung in allen Staaten wurden nur noch von der jeweiligen Regierung und somit vom Militär kontrolliert. Nach dem deutschen Angriff auf Polen im September 1939 wurden einige Dutzend Wissenschaftler vom Heereswaffenamt verpflichtet, das wirtschaftliche und militärische Potential der Kernspaltung zu untersuchen. Um diese Untersuchungen zu gewährleisten wurde der sogenannte Uranverein vom Heereswaffen- und Reichsforschungsamt ins Leben gerufen. Leiter dieses Amtes wird Staatsrat Abraham Essau. Zeitgleich wir in Gottow bei Berlin ein Referat für Kernphysik mit angeschlossenen Laboratorien ins Leben gerufen, die von dem Physiker Kurt Diebner geführt werden. Schon im Dezember 1939 konnten die am Uran-Projekt beteiligten Wissenschaftler erste Ergebnisse vorweisen. So teilte Werner Heisenberg dem Heereswaffenamt mit, dass isotopisches 92235U ein starker atomarer Sprengstoff wäre, der herkömmliche Sprengstoffe um 10er-Potenzen übersteige.
Im Sommer des Jahres 1940 meldete Carl Friedrich von Weizsäcker an die gleiche Stelle, dass ein spaltbares transuranisches Element, welches die Deutschen später als Plutonium identifizierten, in einem Atomreaktor erzeugt werden könne. Otto Hahn hob die militärische Bedeutung dieser Erkenntnis noch im selben Jahr erneut vor dem Heer hervor, als er deutlich machte, dass die Erforschung transuranischer Elemente in seinem Institut Unterstützung verdiente. Das Heerewaffenamt aber hatte dem Wissenschaftler den Auftrag gegeben zu prüfen, ob Atomwaffen ,,rechtzeitig'' entwickelt werden könnten um den Ausgang des Krieges zu beeinflussen.
Während des Blitzkrieges von September 1939 bis zu den letzten Monaten des Jahres 1941 glaubte die überwiegende Mehrheit der deutschen Bevölkerung - und höchstwahrscheinlich auch die Wissenschaftler - jedoch an ein baldiges Ende des Krieges und einen deutschen Sieg. Deshalb wurden Anfragen vom Heereswaffenamt im Januar 1941 nach der Realisationsmöglichkeit von Atomwaffen zwar grundsätzlich bejaht, aber auf Grund eines schnell erwarteten Ende des Krieges als nicht ,,rechtzeitig'' entwickelbar eingestuft.
Bis zum Winter 1941/1942 waren die deutschen Forschungsgruppen den britisch-amerikanischen Gruppen ebenbürtig, danach aber fielen sie rapide zurück, da sich das alliierte Forschungsprojekt zu einem Big-Science Projekt wandelte, während das deutsche auf einer Laborebene verweilte.
Abbildung
Abbildung 3.2: Dokument: Seite 1
Abbildung
Abbildung 3.3: Dokument: Seite 2
Obwohl die Deutschen weiterhin sehr hart an Atomreaktoren und der Isotopentrennung arbeiteten, konnten sie erst am Ende des Krieges die Ergebnisse vorweisen, zu denen Amerikaner und Briten bereits im Sommer 1942 gelangt waren. Deutsche Wissenschaftler betonten gegenüber dem nationalsozialistischen Staat auch weiterhin den militärischen Aspekt ihrer Arbeit. So versuchte etwa Paul Harteck (1902 - 1985) 1942 das Heereswaffenamt zu überzeugen, dass die Erforschung der Isotopentrennung mehr Unterstützung verdiene, da sie die besten Aussichten auf die Erzeugung nuklearer Sprengstoffe böte. Im Februar 1942 hielt Werner Heisenberg seinen berühmten Vortrag über ,,Die theoretische Grundlage für die Energieerzeugung durch Uranspaltung'' vor einem Publikum führender Vertreter der NSDAP, der Bürokratie, des Heeres und der Industrie. Heisenberg teilte dem Publikum mit, dass aus 92235U und Plutonium nukleare Sprengstoffe mit einer ,,vollkommen unvorstellbaren Wirkung'' hergestellt werden könnten, auf der anderen Seite betonte er jedoch, dass die Gewinnung dieser Sprengstoffe sehr schwierig sei und dass die Entwicklung noch Jahre dauern könnte. Im März des selben Jahres beweisen Heisenberg sowie Klara und Robert Döpel die Machbarkeit eines Reaktors aus Natururan und schwerem Wasser.
Ende 1942 fragte das Heereswaffenamt die Wissenschaftler des Projektes zum letzten Mal, ob Atomwaffen realisierbar seien und wann mit ihnen zu rechnen sei. Die Wissenschaftler stimmten zu, dass Atomwaffen erzeugt werden könnten, dass dies aber mindestens einige Jahre in Anspruch nehmen würde. Daraufhin wird das Urnaprojekt militärisch zurückgestuft. Der Leiter der Forschungsabteilung des Heereswaffenamtes Erich Schumann kam zu dem Schluss, dass die Nuklearforschung für den Krieg, den Deutschland führte, irrelevant war und gab das Uran-Projekt in zivile Hände.
Bei Kriegsende wurden die meisten deutschen Atomwissenschaftler verhaftet und verhört. Ironischerweise glaubten die Deutschen, dass ihre Errungenschaften die Alliierten überflügelt hätten. Gleichzeitig waren die Amerikaner überrascht welchen Vorsprung sie vor den Deutschen hatten, hatten sie doch mit der Angst vor einer Deutschen Bombe ihre Entwicklung so rasch vorangetrieben.

3.3  Luftfahrtforschung

3.3.1  Düsenflugzeuge

Heinkel HE 162

Abbildung
Abbildung 3.4: Heinkel HE 162 (1)
Abbildung
Abbildung 3.5: Heinkel HE 162 (2)

Messerschmitt ME 262

Abbildung
Abbildung 3.6: Messerschmitt ME 262 (1)
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Abbildung 3.7: Messerschmitt ME 262 (2)

3.3.2  Wernher von Braun

,,Bei der Eroberung des Weltraums sind zwei Probleme zu lösen: Die Schwerkraft und der Papierkrieg. Mit der Schwerkraft wären wir fertig geworden.'' 5
Abbildung
Abbildung 3.8: Wernher von Braun als Direktor der Heeresversuchsanstalt in Peenemünde 1937 (Archiv Ordway)
Wernher Magnus Maximilian von Braun wurde am 23. März 1923 als mittlerer von drei Söhnen in Wirsitz in Posen (im heutigen Polen) geboren.
Sein Vater, Magnus Freiherr von Braun war ein Anhänger der rechts-konservativ-monarchischen Deutschen Volkspartei. Im März 1920 war Wernhers Vater beim Kapp-Putsch beteiligt. Später hatte er den Posten eines sehr einflussreichen Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft im Kabinett von Franz von Papen inne.
Bereits in seiner frühen Kindkeit entwickelte Wernher seine Leidenschaft für Raketen. Aus seiner Schulzeit am Französischen Gymnasium in Berlin ist bekannt, dass er lieber dem Mathematik- und Physikunterricht fern blieb um zu basteln und mit Raketenautos mit Feuerwerkskörper-Antrieb zu experimentieren. Dies hatte zur Folge, dass ihm die Nichtversetzung in der Schule drohte, und ihn seine Eltern im Alter von 13 Jahren auf das in der Nähe von Weimar liegende Hermann-Lietz Internat geschickt.
Sein Desinteresse in der Mathematik wurde mit der Lektüre eines Buches von Hermann Oberth beendet. Beim Lesen des Buches hatte er sichtlich Schwierigkeiten die mathematischen Formeln zu verstehen und beschloss daher sich diesem Gebiet zu widmen. Zu diesem Zeitpunkt entwickelte Wernher den Ehrgeiz seine Leitungen zu verbessern.
,,Alles, von dem sich der Mensch eine Vorstellung machen kann, ist machbar''6
Im Sommer 1930 schrieb er sich an der Technischen Hochschule in Berlin ein. Sein Studium beendete er 1932 mit einem Magister. Bereits ab Studienbeginn arbeitete Wernher von Braun auf dem ,,Raketenflugplatz Berlin'' wo er und einige andere begeisterten Raketenpioniere erste Versuche mit Flüssigkeitsraketenmotoren machten.
1930 wurde er Mitglied im 1927 in Breslau gegründeten ,,Verein für Raumschifffahrt'' (VfR), wo er Kontakte zu Raketeningenieuren wie Hermann Oberth (1894-1989) knüpft. Während seines Studiums assistierte er Oberth bei dessen Versuchen mit Flüssigkeitsraketen.
Ab 1932 entwickelte und testete von Braun Flüssigkeitsraketen in der Raketenversuchsstelle des Heereswaffenamts im brandenburgischen Kummersdorf. Dies konnte er durch ein Stipendium finanzieren.
Nach der Machtergreifung im Jahre 1933 wurde von Braun, der bereits Mitglied der NSDAP war, Mitglied in der Schutzstaffel (SS).
Im Juli 1934 promovierte von Braun in Physik zu dem Thema: ,,Konstruktive, theoretische und experimentelle Beiträge zu dem Problem der Flüssigkeitsrakete''. In dieser Arbeit stellte er seine Testergebnisse vor, jedoch durfte seine Arbeit als ,,geheime Kommandosache'' nicht veröffentlicht werden.
Im Jahre 1937 zog von Braun mit einem Stab von 100 Mitarbeitern von Kummersdorf West nach Pennemünde an der Nordspitze der Ostseeinsel Usedom um. Der Umzug war nötig, da es die Ausmaße der neuen A3-Rakete notwendig machten und eben dort die neue Heeresversuchsanstalt geschaffen wurde, von der Wernher von Braun Direktor und Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung wurde. Die Entwicklung von militärisch relevanten Raketen wurde der Luftwaffe unter Hermann Göring (1893-1946) unterstellt.
Bis ins Jahr 1943 entwickelten die Peenemünder ihre Raketen ohne das Hitler (1889-1945) sich auch nur im Geringsten dafür interessiert hätte. Erst als Deutschland am Boden lag und er ein startendes Aggregat 4 in einem Film gesehen hatte, den von Braun ihm am 7. Juli 1943 im Führerhauptquartier ,,Wolfsschanze'' (Rastenburg, Ostpreußen) vorspielte, entdeckte er die neuartige Technik für Propagandazwecke und schuf mit Goebbels (1897-1945) die Saga der ,,Wunderwaffe'' (Vergeltungswaffe V2). Als diese tatsächlich zum Einsatz kamen, soll von Braun nach den Abschüssen der V2 am 8. November 1944 auf London niedergeschlagen gewesen sein. Seine ehemalige Sekretärin Dorothea Kerstin wird von Ernst Stuhlinger (seit 1943 ebenfalls in Peenemünde) mit den Worten zitiert:
,,Das hätte nie geschehen sollen. Ich habe immer gehofft, der Krieg würde vorbei sein, bevor sie eine A4 gegen ein lebendes Ziel starten können. Wir haben diese Rakete gebaut um das Tor zu anderen Welten zu öffnen, nicht, um Verwüstungen auf dieser Erde anzurichten. Soll das die Frucht unserer Arbeit gewesen sein?''
Im selben Jahr erhielt er von Hitler das Ritterkreuz zum Kriegsverdienstkreuz mit Schwertern. Als die Kapitulation Deutschlands durch die Unterzeichnung von Generaloberst Alfred Jodl (1890-1946) am 7. Mai 1945 kurz bevor stand, verließen von Braun und 500 seiner Mitarbeiter Peenemünde Richtung Süden um sich in Süddeutschland der amerikanischen Armee zu stellen. Diese lässt verbliebene V2-Raketen, Raketenteile, Pläne und Anderes aus Peenemünde holen und in die USA transportieren.
Nachdem von Braun mit 126 seiner Mitarbeiter im Juni des selben Jahres in die USA übersiedelte und zunächst in Fort Bliss (Texas) stationiert wurde, gaben sie ihre raketentechnischen Kenntnisse und ihr Wissen an das amerikanische Militär weiter. In White Sands (New Mexico) testeten sie schließlich einige der aus Deutschland mitgebrachten V2-Raketen.
Im März 1947 heiratete von Braun Maria von Quistrop, mit der er drei Kinder hatte.
Der weitere Verlauf seiner Karriere in den USA lässt sich wie folgt kurz umreißen:
1950 wechselte von Braun zum Redstone Arsenal in Huntsville (Alabama). In den folgenden Jahren entwickelte er dort die Jupiter-Trägerrakete. Die erste amerikanische Trägerrakete mit der Bezeichnung ,,Redstone'' wurde schließlich 1953 in Cape Canaveral (Florida) getestet.
Zwei Jahre später wurde von Braun amerikanischer Staatsbürger.
,,In Zukunft müssen sich die Utopien beeilen, wenn sie nicht von der Realitaet eingeholt werden wollen''.7
Ein gutes Jahr nach der Gründung der ,,National Aeronautics and Space Administration'' (NASA) am 1. Oktober 1958 wurde von Braun Direktor des ,,Marshall Space Flight Center'' in Huntsville und konstruierte erfolgreich die Raketen des Saturn-Programms. Die Rakete mit der Modellbezeichnung ,,Saturn 5'' landete als erstes Raumschiff während der ,,Apollo 11'' Mission am 21. Juli 1969 auf dem Mond. Von Braun hat maßgeblich an diesem Erfolg mitgewirkt.
Im kommenden Jahr wurde Wernher von Braun stellvertretender Direktor der NASA-Planungsabteilung in Washington (D.C.). Zwei Jahre später verließ von Braun die NASA, da der US-Kongress die Mittel für die Weltraumfahrt drastisch kürzte, und wurde Vizepräsident des Luft- und Raumfahrtkonzern Fairchild Industries Inc. in Germantown (Maryland).
Im Leben das Richtige gemacht?
,,Wissenschaft an sich besitzt keine moralische Dimension'' - war eine der Überzeugungen des Raketenforschers.
Erst auf seinem Krankenbett im Angesicht des Todes und der Konfrontation auf einer höheren Ebene mit seinen Taten kamen Wernher von Braun Bedenken:
,,Es gibt so viel Elend in der Welt, das bekämpft werden muss. Haben wir wirklich das Richtige gemacht?''8
Werner von Braun verstarb am 16. Juni 1977 in Alexandria (Virginia) an einem Krebsleiden.
,,Alles, was Wissenschaft mich lehrte und noch lehrt, stärkt meinen Glauben an ein Fortdauern unserer geisigen Existenz über den Tod hinaus''. 9

Wernher von Braun: Nationalsozialist versus Opportunist

Wernher von Braun war wohl kein überzeugter Nationalsozialist, aber ein Opportunist par exellance, der Menschen nur als Material zur Erreichung seiner Ziele ansah, ein Wesenszug der, in abgemilderter Form, auch während des amerikanischen APOLLO-Programm erkennbar wurde. Für ihn bedeuteten Menschenleben keine Individuen, sondern Mittel zum Zweck, menschliches Material, um seine ehrgeizigen Pläne zu verwirklichen.
Manche Kritiker in den USA sind der Ansicht, dass die gesamte Raketen- und Raumfahrttechnologie der USA nach dem 2. Weltkrieg auf Nazi-Technik aufbaute, was sicher nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Vor diesem Hintergrund mag sich jeder nun selbst die Frage beantworten, was Peenemünde war - Waffenschmiede oder Wiege der Raumfahrt?

3.3.3  Raketenentwicklung in Deutschland: A1 - A5

Aggregat 1

Im Jahr 1923 begann das Heereswaffenamt erstmals in großem Rahmen mit Raketen zu experimentieren. Der Versailler Vertrag hatte eine Lücke offen gelassen und so wurden Raketen als willkommenes Schlupfloch erkannt, um Deutschlands Waffenarsenal wieder zu füllen. Die ersten Versuche fanden in Kummersdorf West statt. Die dortigen Raketenprüfstände waren später auch Vorbilder für den Aufbau der Peenemünder Einrichtungen. Wernher von Braun führte in Kummersdorf seine Entwicklungen fort und ließ sich daraufhin sogar fest anstellen. Schon damals versammelten sich in Kummersdorf Männer, deren Namen sich wie ein roter Faden durch die deutsche Raketenentwicklung zogen. Dazu gehörten u.a. Arthur Rudolph, Walter Riedel und der spätere Chef der Peenemünder Raketenentwicklung: Dr. Walter Dornberger.
1933 stellte von Braun mit dem damaligen Team das A1 (Aggregat 1) fertig. Doch die A1-Rakete explodierte noch vor dem Start. Es stellte sich heraus, dass sie auf Grund schlechter Gewichtsverteilung (der Stabilisierungskreisel befand sich im Kopf) ohnehin nicht flugfähig war.
Abbildung
Abbildung 3.9: Aggregat 2,3 und 5

Aggregat 2

Ebenfalls in Kummersdorf West wurde das A2 (Aggregat 2) entwickelt. Die maßgebliche Entwicklung übernahm wieder Wernher von Braun.
Die beiden fertiggestellten Exemplare - ,,Max'' und ,,Moritz'' - starteten beide erfolgreich und erreichten eine Höhe von über zwei Kilometer. Technisch handelte es sich um eine umkonstruierte und vergrößerte A1. Das verwendete Triebwerk blieb das gleiche. Die Position des Kreisels zur Flugstabilisierung lag nun in der Mitte der Rakete.
Der A2-Erfolg war der Startschuss zu von Brauns steiler Karriere in der Raketenentwicklung.

Aggregat 3 - Der Umzug nach Peenemünde und Aggregat 5

1936 wurde das Aggregat 3 fertiggestellt. Doch die Rakete war so groß, dass sie in Kummersdorf West auf keinen Fall starten konnte ohne die Umgebung zu gefährden. Am Ende der Suche nach einem neuen Ort für das Versuchsgelände stand Peenemünde, am Nordrand der Ostseeinsel Usedom. Finanziert wurde der Aufbau des Geländes vom Heer und der Luftwaffe. Durch die geteilte Finanzierung entstanden zwei getrennte Entwicklungsbereiche: Peenemünde West (Luftwaffenareal) und Peenemünde Ost (Heeresareal).
Bereits 1937 konnte von Braun mit einem Stab von zirka 100 Mitarbeitern das neue Gelände beziehen. Im Dezember wurde das A3 von einem provisorischen Abschussstand aus gestartet, doch bereits wenige Sekunden nach dem Start explodierte die Rakete am Boden. Die folgenden drei Starts endeten ähnlich. Das A3 wurde ein Misserfolg und konnte die Erwartungen bei weitem nicht erfüllen. Für militärische Zwecke war das A3 ohnehin nicht geeignet, da es nicht für den Transport von Nutzlast konzipiert wurde und somit nicht in der Lage war einen Sprengkopf zu tragen.
Die führenden Köpfe von Peenemünde jedoch waren in Gedanken längst bei der Großrakete angelangt. Doch konnte man mit dem Bau des A4 noch nicht beginnen, denn es mangelte an den notwendigen Erfahrungen. Es folgte ein Sprung zum A5, es sollte die Versäumnisse des A3 wettmachen. Für das Aggregat 5 wurde weiterhin das Triebwerk des A3 verwandt. Doch ansonsten unterschieden sich die beiden Typen stark voneinander. Das A5 erhielt eine neue Aerodynamik und die Stahlruder werden sehr viel größer ausgelegt als bisher. Insgesamt wies die neue Rakete auch ein viel größeres Volumen auf und wog bereits rund eine Tonne.
1939 war es so weit. Die erste A5-Rakete startete und erreichte mehr als 8.000 Meter Höhe. Mit dem Typ 5 wurde noch bis 1942 getestet um die A4-Entwicklung zu unterstützen.

Aggregat 4 (,,Vergeltungswaffe'' V2)

Abbildung
Abbildung 3.10: Aggregat 4 (,,V2'') auf Startrampe
Mit dem Aggregat 4 wurde die erste Großrakete entwickelt, die eine Nutzlast - in ihrem Fall Sprengstoff von bis zu einer Tonne - über gut 300 km Entfernung transportieren konnte.
Nachdem Hitler das Raketenentwicklungsprogramm in Peenemünde nicht als wichtig erachtete wurde die Forschung auf der Ostseeinsel auf ,,Führerbefehl'' von der sogenannten ,,Dringlichkeitsliste'' gestrichen. Somit stand die gesamte Raketenentwicklung in Frage, die bisher der Dinglichkeits-Status großzügige finanzielle Unterstützung gewährte. Erst nachdem der Leiter der Heeresversuchsanstallt Peenemünde - Oberst Dr. Walter Dornberger - alle übergeordneten Stellen von der Eignung des Aggregat 4 - hier muss wohl von einer für den Krieg relevanten Eignung gesprochen werden - überzeugt hatte, konnte die Entwicklung der Aggregat 4 Rakete beendet werden. Im Frühjahr 1942 stand das erste Aggregat 4 schließlich zum Abschuss bereit.
Die Ausmaße waren im Vergleich zu den Vorgängerversionen enorm. So maß sie 14 Meter Höhe und wog knappe 14 Tonnen.
Nach dem Start jodoch, explodierte die Rakete und sackte auf dem Boden in sich zusammen. Von diesem erneuten Rückschlag, wenn man die Fehlschläge der verangegangenen Aggregat-Typen im Auge behält, kaum beeindruckt, standen bereits im Sommer desselben Jahres weitere A4-Raketen zum Abschuss bereit. Diese glückten und erreichten mit einer Geschwindigkeit von einem 2-fachen der Schallgeschwindigkeit mehrere Kilometer Höhe.
Bereits im Jahre 1942 konnte das 25 Tonnen Schub produzierende Triebwerk die Rakete auf 5.4 Mach beschleunigen und in 90 km Höhe schießen.
Ab Februar 1944 verließen die ersten von Zwangsarbeitern gefertigten V2 die Fertigungsstätte der sogenannte ,,Mittelwerk GmbH'' in Nordhausen. Tausende deutsche Techniker und Heeresmitglieder überwachten die Arbeit der 40.000 Gefangenen die unter Tage in einem über 100.000 Quadratmeter großen unterirdischen Bau in Dunkelheit und bei schlechter Versorgung die V2 montierten. Jede dreißigste V2 wurde in Peenemünde kontrolliert um Sabotage auszuschließen.
Sowohl Dornberger als auch Braun waren die katastrophalen Bedingungen unter denen die Produktion stattfand bekannt. Von Braun war auch direkt beteiligt, indem er in der Mittelwerk GmbH die Serienproduktion und dessen Anfänge im Speziellen koordinierte, um auch den Qualitätsansprüchen der Armee gerecht zu werden. Die Häftlinge des Peenemünder Konzentrationslagers (das offiziell eine Außenstelle des KZ Ravenbrück war) entstammten allesamt dem KZ Buchenwald, das Wernher von Braun besichtigte, dies aber später bei Verhören durch die Amerikaner vehement bestritten hatte.
Braun und seine Kollegen brachten sich in Schwierigkeiten, da sie ihre Fantasien über Weltraumflüge öffentlich lebten und diskutierten. Er stand ohnehin bereits auf sehr dünnen Eis. Von Braun und Riedel wurden wegen ihren Träumereien von Mondflügen von der Gestapo und dem SS-Sicherheitsdienst verhaftet, da dies als Sabotage angesehen wurde. Erst Dornberger konnte klarstellen, dass ohne von Braun keine weitere Raketenentwicklung möglich sei. Darauf wurden sie aus der Haft wieder entlassen.
Insgesammt wurden bis März 1945 rund 3.225 V2 Raketen auf London, Paris, Antwerpen, Lille und Maastricht abgeschossen. Durch die Abgriffe des Aggregat 4 starben 15.386 Menschen, weitere 50.000 wurden verwundet. Anzumerken wäre noch, dass während der Produktion des A4 unter katastrophalen Bedingungen mehr Menschen starben - 20.000 Menschenleben wären hier zu nennen - als durch die direkten Folgen der Angriffe. Bis Kriegsende wurden etwa 6.000 Aggregat 4 gebaut und auch großteils abgefeuert.
Das A4 ging damit den Weg der von Goebbels aus Propaganda-Gründen getauften ,,Vergeltungswaffen'' und ging in die Geschichte mit der Bezeichnung V2, also Vergeltungswaffe 2, ein. Die Vergeltungswaffe 1 war die Fieseler 103, die in Kassel als geflügelte Bombe entwickelt und später in Peenemünde Ost von der Luftwaffe getestet wird. Sie wird oft aus Unwissenheit als Vorgänger der V2 angesehen, doch haben diese beiden Entwicklungen nicht viel gemeinsam. Zum einen war die V1 keine echte Rakete, da ihr Strahltriebwerk nur innerhalb der Atmosphäre funktionierte. Zum anderen wurde die V1 von ihren Erbauern von vornherein nur im Gedanken an eine todbringende Waffe konstruiert. Wernher von Braun hatte stets anderes im Sinn. Doch natürlich etwickelte auch er mit dem A4 letztendlich eine Waffe. Die Beweggründe und Ziele seiner Auftraggeber kannte er nur zu gut.

3.3.4  Peenemünde

Abbildung
Abbildung 3.11: Peenemünde auf der Nordspitze Usedoms
,,Usedom (polnisch: Uznam), Ostseeinsel, deren größerer Teil zu Deutschland (Bundesland Mecklenburg-Vorpommern), der kleinere zu Polen gehört, vor der Mündung der Oder gelegen, durch Stettiner Haff, Peene und Swine vom Festland und der Insel Wollin getrennt. Zusammen mit Wollin trennt Usedom das Kleine und das Große Haff von der Pommerschen Bucht.
Usedom ist 51 Kilometer lang, bis zu 24 Kilometer breit und 445 Quadratkilometer groß (354 Quadratkilometer auf deutschem, 91 Quadratkilometer auf polnischem Staatsgebiet). Während die Außenküste relativ geradlinig verläuft, ist die auf längeren Strecken von einem Schilfgürtel begleitete Binnenküste durch Landvorsprünge und Buchten stark gegliedert. Vor allem im östlichen Teil der Insel sind einige Seen entwickelt, u. a. Gothensee und Schmollensee. Der Naturpark Usedom erstreckt sich über rund vier Fünftel der Insel. Wichtigster Wirtschaftsfaktor der Insel ist der Fremdenverkehr, der sich vor allem auf die Ostseebäder Ahlbeck, Bansin, Heringsdorf, Karlshagen, Koserow, Trassenheide und Zinnowitz konzentriert. Daneben sind Hochseefischerei, Landwirtschaft und Viehzucht von Bedeutung. Zwei Fernverkehrsstraßen verbinden Usedom mit dem Festland.
Die Insel war im 17. Jahrhundert im Besitz Schwedens und fiel im 18. Jahrhundert an Preußen. Während des 2. Weltkrieges war Swinemünde (heute Swinoujscie), die Hauptstadt des polnischen Teiles von Usedom, deutscher U-Boot-Stützpunkt in der Ostsee. In Peenemünde an der Nordwestspitze der Insel, heute Hauptort des deutschen Teiles, unterhielt Deutschland eine geheime Heeresversuchsanstalt, in der die V2-Rakete entwickelt wurde.''10
Nach Abschluss der Entwicklungsarbeiten am Aggregat 3 zeichnete sich schnell ab, dass die Forschung und Entwicklung in Kummersdorf nicht mehr gesteigert werden konnte. Dies lag einfach daran, dass dort die Räumlichkeiten und Teststände nicht groß genug waren. Im März 1936 erschienen zu einer Vorführung der neuesten Entwicklung zahlreiche Generäle zur Inspektion. Darunter waren der Oberbefehlshaber des Heeres General Werner Freiherr von Fritsch (1880-1939), General Walter von Brauchitsch (1881-1948) (ab 1938 von Fritsch Nachfolger), General der Artillerie Fritz Fromm und General der Infanterie Friedrich Olbricht (1888-1944).
Die Militärs waren von den neuen Entwicklungen sehr beeindruckt und stellten gleich einen Finanzrahmen von mehreren Millionen Reichsmark zur Verfügung.
Wernher von Braun hatte vorausschauend einen geeigneten neuen Standort gesucht und auch gefunden: Die Prorer Heide im Osten der Insel Rügen. Es stellte sich aber schon im Dezember 1935 heraus, dass hier die ,,Kraft durch Freude''-Organisation (KdF) ein monströses Urlaubsparadies für verdiente Parteigänger errichten wollte. Als Alternative sahen sich im Januar 1936 von Braun und Dornberger vor Ort am Peenemünder Haken um, und fanden den geeigneten Ort gefunden zu haben. Für Peenemünde sprach die Abgeschiedenheit und die Tatsache, dass man Raketen künftig über die Ostsee oder entlang der Pommerschen Küste verschießen konnte. Zudem konnte die vorgelagerte Insel, die Greifswalder Oie, ebenfalls für Versuche genutzt werden. Dornberger und von Braun arbeiteten erste Pläne aus, die sie im April 1936 der militärischen Führung vorlegten. Erwartungsgemäß sagten diese zu und schon einen Tag später wurde das Gebiet der Gemeinde Wolgast für 1.2 Millionen Reichsmark abgekauft. Die wenigen Einwohner wurden zwangsumgesiedelt, aber dafür großzügig entschädigt. Schon im Sommer begannen die Bauarbeiten der Infrastruktur, der Wohnsiedlungen, Werkstätten und der Wohngebäude.
Die detailierten Planungen sahen eine Aufteilung Peenemündes in ein Werk West als Erprobungsstelle für die Reichsluftwaffe und ein Werk Ost für die Raketenforschung vor. Die teilweise von 10.000 Menschen der Organisation Todt und des Reichsarbeitsdienstes durchgeführten Bauarbeiten zeigten alsbald ihre Wirkung. Im Werk Ost wurde schon 1937 mit dem Bau der Versuchsanlagen begonnen, im April desselben Jahres bezog der militärische Stab seine Dienstgebäude, im Juli kamen die ersten, geheim angeworbenen Wissenschaftler und Techniker und im April 1938 konnte das Werk West mit dem Start des ersten Flugzeuges seine Tätigkeit aufnehmen. Gegen Ende des folgenden Jahres war dann der erste Bauabschnitt, die Errichtung der Erprobungsstellen und der wesentlichen Dienstgebäude, abgeschlossen. Die bisher über das ganze Reich verstreuten Entwicklungs- und Forschungsstellen und natürlich die ehemaligen Kummersdorfer, die dort bis kurz vor dem Umzug noch arbeiteten, konnten endlich in Peenemünde einziehen und hier ihre Arbeit aufnehmen.
Der 2. Bauabschnitt, Erweiterung der bereits errichteten Anlagen und Vorbereitungen zur Serienproduktion, begann 1940, wobei insbesondere die vom späteren Bundespräsidenten Heinrich Lübke (1894-1972), geleitete Baugruppe des Berliner Ingenieurbüros Schlempp involviert war. Diese war vom Generalinspekteur für den Ausbau der Reichshauptstadt Berlin zum monströsen ,,Germania'', dem späteren Reichsrüstungsminister Albert Speer (1905-1981) angefordert worden, dem ab 1. Mai 1940 die Bauarbeiten in Peenemünde oblagen.
In der Nacht vom 17. auf den 18. August 1943 griffen 596 englische Bomber Peenemünde an, trafen aber statt der Entwicklungs- und Erprobungsstellen, die nur verhältnismäßig geringe Schäden davontrugen, die Wohnsiedlungen und vor allem das KZ in Trassenmoor. Zwar wurden die Fertigungshalle F 1 (das Versuchsserienwerk) und die Anlagen der Werkbahn, einige der Prüfstände sowie weite Teile der Konstruktions- und Verwaltungsgebäude getroffen, doch ließen sich diese Schäden relativ schnell beheben, wenn dadurch auch vor allem die Raketenproduktion nachhaltig beeinträchtigt wurde. Dies führt bis heute zu Gerüchten, wonach die Engländer bewusst nicht die Produktionsstätten zerstören wollten, um dem Werk nachhaltiger durch ,,Zerstörung des Menschenmaterials'' zu schaden. Offiziellen Bekundungen zufolge, wurden die Wegmarkierungen für die anfliegenden Bomberstaffeln falsch gesetzt und das, obwohl die alliierte Luftaufklärung über genauestes Bildmaterial verfügte!
Den endgültigen Todesstoß versetzte man der Heeresversuchsanstalt Peenemünde mit Luftangriffen am 1. und 24. Oktober sowie am 2. November 1943, die eine Verlagerung vor allem der Erprobungstätigkeit hin zu den SS-Truppenübungsplätzen bei Blizna und Tuchel in Polen nach sich zogen. In den folgenden Monaten entstand das Mittelwerk im Harz, wohin vor allem die Serienproduktion verlegt wurde. Trotz aller Widernisse und Probleme wurde die Erprobungstätigkeit in Peenemünde, sowohl im Werk West als auch im Werk Ost, nicht völlig eingestellt. Und obwohl die Kriegslage Deutschlands immer prekärer wurde und ein Ende längst abzusehen war, gingen die Arbeiten weiter. Noch im Januar 1945, als die Amerikaner und Franzosen kurz davor standen, den Rhein zu überschreiten und die Rote Armee Ostpreußen längst erobert hatte, ganz so, als ob in der übrigen Welt tiefster Friede herrschen würde, startete man in Peenemünde Raketen und konstruierte neue Waffensysteme, die im 3. Reich niemals mehr realisiert werden konnten, da die hierfür notwendige Industrie bereits in weiten Teilen flächendeckend zerstört war.
Im Februar 1945 wurde Peenemünde mit dem Heranrücken der Roten Armee dann endgültig geräumt. Nur wenige Wissenschaftler waren geblieben, sie wurden später in die UdSSR deportiert, während sich der Großteil über Umwegen nach Süddeutschland abgesetzt hatte und dort mit dem Amerikanern zusammentraf. Manchen Quellen zufolge hatte es diesbezüglich bereits 1943 bzw. 1944 ein Treffen in der Schweiz gegeben. Man wollte im Falle einer Niederlage Deutschlands sich den amerikanischen Truppen ergeben und quasi als ,,Mitgift'' die Forschungsunterlagen, soweit sie erhalten waren, mitbringen. Bestätigt wurde das bis heute nicht, aber erstaunlicherweise waren die Amerikaner schon lange vor dem Zusammenbruch im Reichsgebiet unterwegs, um übertrittswillige Raketentechniker zu suchen!

Abbildungsverzeichnis

    1.1  Brief von Himmler an W. Heisenberg
    3.1  Werner Heisenberg
    3.2  Dokument: Seite 1
    3.3  Dokument: Seite 2
    3.4  Heinkel HE 162 (1)
    3.5  Heinkel HE 162 (2)
    3.6  Messerschmitt ME 262 (1)
    3.7  Messerschmitt ME 262 (2)
    3.8  Wernher von Braun als Direktor der Heeresversuchsanstalt in Peenemünde 1937 (Archiv Ordway)
    3.9  Aggregat 2,3 und 5
    3.10  Aggregat 4 ( `V2 ') auf Startrampe
    3.11  Peenemünde auf der Nordspitze Usedoms

Fußnoten:

1Wilhelm Süss, Vorsitzender der DMV von 1937 - 1945: FIAT, Bd. 1, Vorwort
2Alwin Walther, Direktor des Instituts für Praktische Mathematik, Darmstadt: FIAT, Bd. 3, Einleitung
3vgl. Aussagen von Johannes Rasch Nov. 1941
4siehe hierzu Brief weiter oben
5http://www.abyssal.de/zitate/universum.htm
6http://www.zitate.de, Zitat-Nr.: 9620
7http://www.zitate.de, Zitat-Nr.: 3151
8zitiert nach Flensburger Tageblatt, 2002-03-11, FU31
9http://www.zitate.de, Zitat-Nr.: 9620
10Microsoft® Encarta® Enzyklopädie Professional 2003.


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On 21 Jul 2003, 15:17.