Computerentwicklung in Deutschland
 
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Einführung

Konrad Zuse

Curta

         

Herzstark

die Curta


 

1902 26. Januar Geburt von Curt Herzstark also Sohn von Marie und Samuel Herzstark. Seine Mutter war Christin, sein Vater Jude, trat jedoch für die Heirat aus dem Judentum aus.

1916 Lehre als Werkzeug- und Feinmechaniker im elterlichen Betrieb: Rechenmaschinen Werk "Austria" in Wien. Curt Herzstark ist mathematisch hochbegabt und wird als Wunderknabe auf Messen vorgeführt. Wie er später zugibt, führte er dort die Rechnungen nicht im Kopf sondern auf einer Rechenmaschine des Vaters durch.
1922 Rückkehr von einer Ingenieursschule in die elterliche Firma, die inzwischen total heruntergewirtschaftet ist. Er beginnt mit dem Wiederaufbau.
1928 Erstes Patent: "Herzstark-Multisummator" als Anbau an eine Astra-Buchungsmaschine. Es handelt sich dabei um eine Maschine, die in einem Arbeitsgang automatisch Waagerecht- und Senkrechtzahlenkolonnen addieren kann.
1934 Erste Überlegungen zur "Curta". Sie sollte eine kleine tragbare Rechenmaschine werden, die den Rechenschieber ablösen sollte.
1935 Das Konzept für das Aussehen der  Curta steht fest. Aber wie sie funktionieren soll weiß Herzstark noch nicht.
1936 Erstes Konzept mit einer technischen Realisierungsmöglichkeit: Eine Maschine mit einer zentralen Staffelwalze zum Addieren und Multiplizieren von Zahlen. Nur Subtrahieren und Dividieren kann sie nicht. Zum Subtrahieren kann man nicht einfach rückwärts drehen, dazu hätte ja der Zehnerübertrag auch rückwärts funktionieren müssen.
1937 Nach dem Tod des Vaters geht die Firma in den Besitz der Mutter über.
1938 Hitlers Truppen marschieren in Österreich am 10. März 1938 ein. Curt Herzstark erlebt dies als Halbjude als schlimme Zeit. Der Mob zieht »Jude verrecke« schreiend durch die Straßen. Nun ist es von Vorteil, dass die Firma noch nicht an ihn überschrieben ist. Durch einen befreundeten Rechtsanwalt erhält die Mutter sofort die Bestätigung, dass sie die Erbin und der Betrieb somit arisch ist. Curt ist offiziell nur Angestellter. Die Geschäfte laufen schlecht. Von Astra kommen keine Maschinen mehr für den Multimator-Umbau. Man lebt von Restbeständen und Reparaturen.
Im Mai suchen Wehrmachtsangehörige einen Betrieb, der in der Lage ist, hochpräzise Lehren für das Heer zu fertigen. Den Betrieb von Herzstark hält man für geeignet. Natürlich macht Herzstark die Sachen anders (und besser) als auf den Zeichnungen, die man liefert. Sofort hat er auch Patente auf diesem Gebiet und arbeitet mit österreichischen und deutschen Wissenschaftlern und Universitäten zusammen. Der Betrieb erhält die Dringlichkeitsstufe I und damit leichteren Zugang zu Maschinen und Material.

Curt führt nun die Geschäfte. Auf der Rückfahrt von einer Geschäftsreise hat er einen Geistesblitz: »Man kann doch ein Subtraktionsresultat erzielen, indem man eine Komplementärzahl hinzugibt. Also wenn ich eine zweite Reihe Staffelzähne ergänzen würde: für die Eins die Neun, die Zwei die Acht, die Drei .... ?« Zwei Patente werden angemeldet, sind aber  noch keine fertigen, produktionsreifen Konstruktionen. Ein Prototyp mit nur drei Stufen wird gebaut. Noch ziemlich groß und grob, aber der Beweis des Funktionsprinzips ist erbracht.
1943 Zwei Arbeiter Herzstarks werden verhaftet: Sie haben englische Sender gehört und die Nachrichten mit der Schreibmaschine vervielfältigt. Herzstark interveniert bei der Gestapo; als Halbjude ein gefährliches Unterfangen.

Erst wird er hinausgeworfen, Tage später zu einer Zeugenaussage vorgeladen und verhaftet. Seine angeblichen Vergehen: Unterstützung von Juden, Staatszersetzung, Beziehung zu arischen Frauen.

Herzstark kommt im Konzentrationslager Buchenwald auf dem Ettersberg in das »kleine Lager« und muss in der Gärtnerei arbeiten. In diesen kalten Novembertagen ohne vernünftige Bekleidung eine Qual. Nach den ersten grauenvollen Erlebnissen im Lager ist Curt Herzstark körperlich und seelisch am Ende: Er hat mit dem Leben abgeschlossen.

Dann wird Herzstark von zur Kommandantur aufgrund seiner früheren Arbeiten für die Wehrmacht in das angeschlossene Gustloff-Werk (eine feinmechanische Fabrik der SS) abkommandiert.

Hier geht es ihm schnell besser. Er ist für die optimale Auslastung der Maschinen zuständig, hat bald größeren Einfluss und ist bei den Mitgefangenen beliebt. Curt Herzstark rettet vielen das Leben, indem er sie für die Fabrik als Arbeitskraft anfordert.

Herzstark darf abends und am Sonntag Pläne für seine neue, kleine Rechenmaschine zeichnen. Die soll dem »Führer« als Siegergeschenk überreicht werden. Dafür wird ihm sogar die Arisierung in Aussicht gestellt. Herzstark nimmt das nicht sehr ernst, aber es ist zumindest lebensverlängernd.

1945 Amerikanische Flugzeuge bombardieren Anfang 1945 die SS-Unterkünfte und das Gustloff-Werk. Unter den Häftlingen gibt es über 300 Tote und mehr als 500 Schwerverletzte. Herzstark bleibt unverletzt und wird verlegt: Nach Billroda, einer Fabrik in einem ehemaligen Kalibergwerk, 600m unter der Erde. Die Arbeit hier rettet Herzstark vermutlich das Leben. Er hat bereits mehrere Tuberkuloseinfektionen hinter sich. Aber diese Salzluft, bei 21 Grad Erdwärme, ist die reinste Medizin. Vielen anderen geht es nicht so gut: Bei der Fabrikation der V1 und V2 kommen mehr Menschen ums Leben als durch die Waffen selbst. Von Februar bis Anfang April 1945 ist er in Billroda, ehe er wieder nach Buchenwald zurückkehrt.

Am 11. April 1945 erreichen Einheiten der 3. US-Armee den Ettersberg. Die SS ist bereits geflohen. Curt Herzstark ist frei. In Weimar nimmt er Kontakt mit dem Rechenmaschinenvertreter Müller auf. Mit ihm spricht er über die neue Maschine und zeigt ihm die Pläne – die pünktlich zum Kriegsende fertig wurden. Die Bleistiftzeichnungen sind bereits für die Typen I und II ausgearbeitet und fertigungsreif.

Müller empfiehlt ihm die Rheinmetallwerke in Sömmerda. Diese große Fabrik für Schreib- und Rechenmaschinen ist nur 20 km von Weimar entfernt. Müller nimmt den Kontakt zur Rheinmetall auf. Einige Tage später kommen fünf Herren, darunter auch Direktor Weisserth, den Herzstark noch aus dem Jahre 1928 von Patentverhandlungen her kennt. Die Fachleute erkennen sofort den Wert dieser Pläne und die Beurteilung kann kaum besser ausfallen. Vorsichtig geschätzter Weltbedarf: 10 Millionen Stück.

Die Pläne sind so gut detailliert und bemaßt, dass innerhalb von 8 Wochen (auf Herzstarks Kosten) drei funktionsfähige Prototypen gebaut werden. Curt Herzstark wird sogar die Direktion der Rheinmetallwerke angeboten.

Als Folge des Berliner Abkommens vom 7.7.45 wird das Gebiet um Weimar russische Zone. Herzstark erfährt, dass die Russen viele deutsche Fachleute nach Russland deportierten. Er will nur noch eines – zurück nach Wien; er zerlegt die drei Maschinen und bereitet seine Flucht vor. Die führt ihn auch über Prag, wo er in der provisorischen österreichischen Gesandtschaft übernachtet. Herzstark schlägt sich bis nach Wien durch.

Überrascht ist Curt über den guten Zustand der Fabrik, dort lässt er die drei Prototypen sofort wieder zusammenbauen. Es zeigen sich aber familiäre Probleme: Herzstark soll seinen Bruder, der sich nie um die Firma kümmerte, an der Erfindung teilhaben lassen. Dafür hat er – nach allem was er mitgemacht hat – nun gar kein Verständnis. Geld, um eine Produktion zu starten, ist bei der Regierung in Österreich auch nicht aufzutreiben. Da bleibt nur eines: Auswandern. Er nimmt Kontakt zu Ernst Jost, dem Präsidenten der Firma Precisa in der Schweiz, und zu Firmen in Amerika auf.
 

1946 Aufnahme von Geschäftsbeziehungen mit Liechtenstein. Kosten für eine dortige Produktionsanlage belaufen sich auf drei bis vier Millionen Schweizer Franken zuzüglich Gebäuden und Grundstücken; Aufbauzeit bis zum Beginn der Produktion drei Jahre.
Herzstark wird technischer Direktor der "Contina AG", hat jedoch wenig Kompetenzen.
 
1948 Die Curta geht in Serienproduktion. Bis auf wenige Schrauben werden alle Teile selbst gefertigt. Wie kam es aber zu diesem Namen? Der ursprüngliche Name auf den Zeichnungen aus Buchenwald war »Liliput«, aber dem Kontor gefiel dieser Name nicht. Die unmöglichsten Einfälle wurden diskutiert. Da mischte sich eine holländische Korrespondentin in die Diskussion: »Der Erfinder heißt Curt, die Maschine ist seine Tochter. Wollen wir sie nicht einfach Curta nennen?« Der Name war geboren.

1954 Herzstark zieht sich ins Privatleben zurück nachdem er finanziell von der AG betrogen wurde.
1966 Verkauf der "Contina AG" an die Firma Hilti.
1972 Das Ende der Serienproduktion der "Curta". Insgesamt wurden etwa 150.000 Curtas hergestellt. Der von Fachleuten geschätzte Weltbedarf von 3 bis 4 Millionen Stück wird aufgrund einer miserablen Verkaufsorganisation nicht einmal annähernd erreicht.
1988 Curt Herzstark stirbt im Alter von 86 Jahren in Liechtenstein.

 

weiterführende Literatur:

http://www.curta.de

http://www.vintagecalculators.com/html/the_amazing_curta.html

 

 

 


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